Die Flugzeuge haben es weit gebracht. Die modernen Jagd- und Kampfmaschinen mit Rückstoßtriebwerken und Druckkabinen jagen mit Überschallgeschwindigkeit in die Stratosphäre empor. Oberseeflugzeuge, die fast hundert Passagiere fassen, rasen in weniger als zwölf Stunden über den Atlantik. Aber um die Sportfliegerei ist es still geworden. Der Sportflieger schaukelt nach wie vor mit höchstens 300 Kilometer je Stunde über kontinentale Gefilde und genießt die "Wunder" des Fliegens. Das berechtigt zu der Frage: Hat die Sportfliegerei an den Fortschritten nicht teilgenommen? Die Nachrichten aus dem Ausland – in Deutschland gibt es ja auch die Sportfliegerei nicht mehr – zeigen tatsächlich, daß das heutige Sportflugzeug im großen und ganzen auf dem Stand von 1938 stehengeblieben ist. So kann man durchaus auch heute noch einen Vergleich mit der deutschen Sportfliegerei der Vorkriegszeit wagen.

Vor dem Kriege besaßen die deutschen Sportflieger eine reichhaltige Auswahl von Maschinen. Denn die Industrie war den Anforderungen, die an ein Sportflugzeug gestellt werden müssen, fast in allen Fällen gerecht geworden. Freilich, die Anschaffungs- und Betriebskosten eines Sportflugzeuges waren in den allermeisten Fällen noch zu hoch und keineswegs mit denen einer Segel-, einer Motorjacht oder eines Automobils zu vergleichen. Daher blieb der Kreis der Sportflieger relativ klein – trotz des NS-Fliegerkorps, das so manches andere als die Sportfliegerei organisierte ... Trotzdem waren die Leistungen der deutschen Sportflugzeugfabriken mit Recht weltberühmt. Da war zum Beispiel der "Klemmflugzeugbau" mit seinen ein- bis viersitzigen offenen und verkleideten Holzflugzeugen. Fast alle diese Typen, die Motoren von 20 bis 150 PS besaßen, waren in ihrer aerodynamischen Konstruktion trudelsicher, und die offenen Sportzweisitzer hatten durchweg Segelflugeigenschaften. Auch die Doppeldecker der "Focke-Wulf"- und "Bücker-Werke" waren ungemein beliebt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildeten kurz vor Kriegsausbruch die viersitzige Kabinenreisemaschine der Klemm-Werke und die Me 108 der Messerschmitt-Werke. Mit ihrer Reisegeschwindigkeit von 300 Kilometer je Stunde und ihrer Gipfelhöhe bis 7000 m, mit einem Aktionsradius von 800 bis 1000 Kilometer war sie damals das modernste Sportflugzeug des Kontinents: ein vollkommenes Ganzmetallflugzeug in Schalenbauweise mit einziehbarem Fahrwerk und Spaltflügel zur Auftriebsvergrößerung bei Start und Landung. Ja, die Me 108, der "Taifun", war eigentlich schon sowohl Sportgerät als auch "Kleinverkehrsmittel der Luft".

Die deutschen Konstrukteure waren auf dem besten Wege, ein Sportgerät zu entwickeln, das bei geringen Anschaffungs- und Betriebskosten all die Forderungen erfüllte, die an ein Sportflugzeug zu stellen sind: einfache und sichere Bedienung und hohe Flugsicherheit bei geringer Start- und Landegeschwindigkeit, so daß auch mittelgroße Weideflächen notfalls als "Rollfeld" hätten benutzt werden können. Und war nicht jenes Kleinflugzeug der Erla-Werke, das 3500 Mark kostete, der erste Ansatz zum "Jedermannflugzeug"?

In Frankreich hatte man etwas Ähnliches in der "Puce de ciel", der "Himmelslaus", verwirklicht. Der zweite Weltkrieg machte der deutschen Sportfliegerei ein Ende, nachdem ihr schon bald nach 1933 durch die Auflösung des "Aero-Clubs" und des "Ringes deutscher Flieger" die sportliche Grundlage entzogen worden war.

Inzwischen nun sind im Ausland die deutschen Typen aus den Jahren 1936 bis 1938 zum Standard des Sportflugzeuges geworden. Die Me 108 war Vorbild für die "Noralpha", die in Frankreich gebaut wird, und die viersitzige "Kabinenklemm" für die britischen Sportflugzeuge. Natürlich liegen die USA in der Produktion von Sportflugzeugen weit an der Spitze, obwohl auch in Amerika der Sportflieger über viel Geld verfügen muß; denn neben dem Anschaffungspreis, der fast dreimal so hoch ist wie der eines Autos, belaufen sich die Betriebskosten auf das Doppelte eines Kraftwagens. Im kriegsverwüsteten und verarmten Europa wird die Sportfliegerei für lange Zeit ein Luxus sein. Möglich allerdings, daß sich der Segelflugsport wieder mehr ausbreiten wird. Vielleicht sogar, daß bald auch die deutschen Segelsportflieger daran werden teilnehmen können. Jüngst haben nämlich Äußerungen von westalliierter Seite die deutschen Segelflugadepten wieder hoffnungsvoll gestimmt. Kurt Grosse