Soll die Deutsche Bundesrepublik im Rahmen einer europäischen Armee Truppen oder gar ein eigenes Kontingent aufstellen? Soll also Westdeutschland in naher oder absehbarer Zukunft mit Genehmigung oder auf Wunsch der westlichen Alliierten ganz oder teilweise aufrüsten oder besser gesagt: sich aufrüsten lassen? Darüber ist im Ausland seit einem Monat lebhaft diskutiert worden, und deutsche Politiker haben sich hierdurch, gefragt und ungefragt, zu Feststellungen verleiten lassen, die nicht immer glücklich formuliert waren. Dabei sollte doch kein Zweifel darüber herrschen, daß diese so plötzlich aufgetauchte Frage für Deutschland schicksalhaft und äußerst gefahrvoll ist. Eine falsche Entscheidung – auch wenn sie im Augenblick noch theoretisch sein mag – könnte unkontrollierbare Folgen, haben. Um so nötiger ist es, alle möglichen Konsequenzen und alle übersehbaren Aspekte sachlich, genau und leidenschaftslos zu prüfen.

Die Begründung, mit der man insbesondere in den Vereinigten Staaten mehr oder minder offiziell eine deutsche Aufrüstung fordert, lautet? (Deutschland muß zur Verteidigung Europas beitragen. Die deutschen Politiker ihrerseits verlangen: Sicherheit. Man habe, so argumentieren sie, der Deutschen Bundesrepublik jede Möglichkeit genommen, sich zu verteidigen. So müßten also die vereinigten Streitkräfte der Atlantikpaktstaaten verpflichtet sein, unseren Staat gegen den Osten zu schützen. Was schiene naheliegender, als beide Forderungen zu kombinieren, Westdeutschland also die Aufstellung von Kontingenten innerhalb einer gesamteuropäischen Streitmacht zu erlauben, um auf diese Weise Westeuropa und die Deutsche Bundesrepublik gemeinsam zu verteidigen? Doch so einfach dieser Schluß scheint, so kompliziert dürfte das sein, was sich aus ihm entwickeln kann.

Wir wollen einmal von allen psychologischen Momenten absehen und die Frage nicht stellen, ob es heute überhaupt schon möglich wäre, das Mißtrauen zu überwinden, das bei unseren ehemaligen Feinden, insbesondere in Frankreich, immer noch gegen uns herrscht. Wir wollen also annehmen, daß wir aufgefordert würden, deutsche Kontingente innerhalb einer – im übrigen noch gar nicht vorhandenen – europäischen Armee aufzustellen. Was hätten wir Deutschen damit gewonnen? Sicherheit? Gegen wen? Gegen einen sowjetrussischen Gegner, der Europa angreift?

Man rechnet heute, daß die russische Armee 20 000 einsatzbereite Panzer hat und 16 000 schwere Bomber. Wo eigentlich glaubt man. einen Angriff dieser Streitkräfte in Europa aufhalten zu können? Sicherlich nicht diesseits des Rheins, das haben die diesjährigen Herbstmanöver der Alliierten eindeutig bewiesen. Schon durch Rückzugsgefechte aber würde in einem solchen Angriffskriege ein großer Teil Westdeutschlands zerstört werden. Den Rest würden Bombenangriffe vernichten. Deutsche Kontingente würden vielleicht als "Exiltruppen" Weiter in den westlichen Armeen kämpfen dürfen, aber Friedensschlüsse nach dem letzten Kriege haben erwiesen, daß Exiltruppen nicht immer ihre Heimat wiedersehen Welche "Sicherheit" könnten also deutsche Kontingente in einer europäischen Armee im Falle eines sowjetischen Angriffskrieges für uns bedeuten?

Man könnte einwenden, daß gut bewaffnete deutsche Truppen in genügender Anzahl zusammen mit der übrigen Streitmacht Europas die sowjetische Armee nicht nur aufzuhalten, sondern zurückzuschlagen vermöchten. Aber wer eigentlich soll sie bewaffnen? Die Vereinigten Staaten sind kaum in der Lage, die anderen Armeen Europas notdürftig zu versorgen. Das Kriegspotential der deutschen Fabriken ist restlos demontiert. Was uns an industriellen Werken geblieben ist, brauchen wir, um durch Herstellung von Exportgütern Devisen für unsere Nahrungsmittel- und Rohstoffeinfuhr zu verdienen. Wir hätten auch gar nicht das Geld, uns eine Aufrüstung zu leisten. Man erklärt uns zwar im Ausland, es sei ungerecht, daß wir durch unsere Abrüstung so große Summen sparten, aber man vergißt, wieviel wir – von den Besatzungskosten ganz abgesehen – für den Wiederaufbau unserer Städte und eine notdürftige Hilfe für unsere Flüchtlinge ausgeben müssen. Eine Armee auszurüsten,könnten wir uns überhaupt nicht gestatten, selbst wenn man dies von uns verlangte. Eine mangelhaft ausgerüstete und womöglich noch zahlenmäßig schwache Truppe jedoch würde nichts anderes vermögen, als uns zu schaden, indem sie uns in Kämpfe verwickelt, durch. die wir zugrunde gehen.

Noch viel ernstere Bedenken werden sich einstellen, sobald man die Frage der Aufrüstung unter dem Gesichtspunkt Gesamtdeutschlands betrachtet. Eine Teilnahme der Deutschen Bundesrepublik an einer europäischen Streitmacht könnte den Kreml berechtigen, entsprechende Truppen der Sowjetzone in eine östliche Armee einzugliedern. Damit wäre für eine absehbare Zukunft kaum noch eine Möglichkeit vorhanden, eine Einigung Deutschlands herbeizuführen. Allerdings hat der Kreml bisher andere Ansichten über die Lösung des deutschen Problems bekanntgegeben. Und auch diese Pläne sollten bei einer eventuellen Entscheidung des Bundesparlaments und der Bundesregierung sehr wohl berücksichtigt werden.

Bei seiner Rede zum letzten Jahrestag der russischen Revolution hat Malenkow ein einziges außenpolitisches Ziel genannt. Er sagte, die kommunistische Revolution müsse vor allem in Deutschland durchgeführt werden, denn dies bedeute die Herrschaft über Europa. Über die Art, wie dies geschehen soll, haben weder der sowjetische General, der an den Verhandlungen der Rote-Kreuz-Konferenz in Genf teilnahm, noch Wyschinski in der UNO irgendwelche Zweifel gelassen. Beide haben verlangt, den Bürgerkrieg für legal zu erklären. Nun haben die Sowjets schon mehrfach darauf gedrängt, daß die Besatzungsmächte Deutschland räumen sollen. Wenn dann aber nach russischem Plan von der SED ein Bürgerkrieg inszeniert wird, müßten westdeutsche Truppen zweifellos eingreifen. Dadurch würde die europäische Armee, zu der die deutschen Kontingente ja gehören sollen, in den Kampf verwickelt werden. Das wiederum würde den Beginn eines neuen Weltbrandes bedeuten.