Zu zwei neuen Büchern Von Elisabeth Langgässer

Mit ihrem Roman "Das unauslöschliche Siegel" hatte sich Elisabeth Langgässer in der deutschen Nachkriegsliteratur einen großen Namen erworben: die dynamische Gestaltungskraft der Schriftstellerin, verbunden mit der intensiven katholischen Weltanschauung einer Konvertitin gaben dem Buch eine Dichte und Farbigkeit wie kaum einer zweiten deutschen Neuerscheinung nach dem Kriege. Vor allem aber hatte Elisabeth Langgässer das Wesen moderner katholischer Dichtung erkannt. Sie schrieb keinen "Bekehrungsroman" mehr, in dem der Heide im letzten Kapitel in den Schoß der Kirche findet; mit Paul Claudel stellte sie das Sakrament der Taufe wieder in den Mittelpunkt der Welt. Durch den Taufakt ist der Mensch (und die Schöpfung) für immer mit Gott verbunden, sei er nun Sünder oder Heiliger. Diese Grundanschauung zieht sich auch durch die beiden neuen Bücher der Schriftstellerin: "Das Labyrinth" (fünf Erzählungen) und "Proserpina" (eine Kindheitsmythe), beide im Claasen & Goverts Verlag, Hamburg, erschienen. ("Proserpina" erschien zum ersten Male 1932, der Neuauflage liegt jedoch die bisher noch nicht veröffentlichte Urfassung zugrunde.) Das Kind Proserpina erlebt die Welt als ein schillerndes Gemisch seltsamer Überlagerungen von Gut und Böse, Schwermut und Heiterkeit, Gott und Teufel. Seine Gärten werden zu Gärten des Abenteuers, zu einer immer neuen Entdeckung der vielschichtigen Welt, in der Gräser zu Dämonen, Steine zu Ungeheuern oder Teilen des großen Pan werden können. Aber durch dieses Labyrinth zieht sich ein roter Faden: die Gewißheit, daß da einer ist, der die Menschen hält und ohne den dem Schrecken und der Kümmernis dieser Welt zu widerstehen nicht möglich wäre.

Beim Schildern solcher fast mittelalterlich anmutenden magisch-christlichen Welt zeigen sich die Gefahren, denen Elisabeth Langgässer schon in weiten Partien ihres Romans vom unauslöschlichen Siegel erlag und nun wieder erliegt: es fehlen bei der Schilderung dieser Welt – so paradox das klingt – die Auslassungen, die Gedankenstriche. – Es wird alles (und damit in gewissem Sinne nur wenig) gesagt. Es fehlt die Klarheit. So wird die Darstellung zu grell und erschüttert uns schließlich nicht mehr. Die Sprache ist mit Bildern überladen, so daß man die einzelnen Bilder zum Schluß nicht mehr genügend unterscheiden kann. Und bisweilen sind die Bilder zu gewagt. So etwa dieses, das den Tod des Vaters schildert: "Der leise Atem des Vaters, auf dem schon die Seele sich übte, von dem Lippenrand abzustoßen, erfüllte das Sterbezimmer mit einer seltsamen Kühle und duldete weder Klage noch Hilfeleistung mehr." – Was soll man sich unter einer sich auf dem Atem für den Abstoß übenden Seele vorstellen? Wie kann der leise Atem des Vaters Grund für eine seltsame Kühle sein? Leise und Kühle sind doch verschiedene sinnliche Qualitäten! Man sage nicht, das sei spießige Pedanterie gegen künstlerische Freiheit. Wahre künstlerische Freiheit weiß um die großen Gefahren des Gebrauchs von Bildern. Sie ist sparsam mit ihnen, und wo sie sie verwendet, bemüht sie sich um Einfachheit und Klarheit.

Dieser Einfachheit der Aussage kommt Elisabeth Langgässer bedeutend näher in ihrer Erzählung "Das Labyrinth der Kinder", zweifellos der stärksten aus dem Novellenband "Das Labyrinth". Diese Geschichte – sie wurde zuerst in der "Zeit" vom 29. April 1948 veröffentlicht – konfrontiert die Kindheit eines kleinen Mädchens mit der erinnerten Kindheit im Bewußtsein der Mutter. Sie zeigt den Alltag in der Transparenz der Phantasie. Die Phantasie führt Kinder und Erwachsene in die Irre – und die Erwachsenen haben den Kindern nur voraus, daß sie ihrer Phantasie entrinnen können in das vernünftige Denken des "gesunden Menschenverstandes".

Die beiden neuen Bücher Elisabeth Langgässers haben nichts eingebüßt an der Fülle der Aussage. Aber sie sind nur in den kleinen Erzählungen einer Schlichtheit der Form der Aussage nähergekommen. Solche Schlichtheit scheint erstes Gebot für einen Dichter der Gegenwart.

P. Hühnerfeld

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Die Fahrt um die halbe Welt, die der kleine Edgar Legrand im Schlafsaal seines südfranzösischen Internats antritt, um seinen zur See verschollenen Vater zu suchen, ist eines der hübschesten und saubersten Abenteuerbücher, die in der letzten Zeit erschienen sind. Nirgends läßt sich der Autor (Edouard Peisson: "Edgars Reise", aus dem Französischen von Noa Elisabeth Kiepenheuer, Verlag Gustav Kiepenheuer, (Köln-Hagen) verführen, billigen Heroismus anzuschwärzen, obwohl es der Gefahren und Schrecken genug gibt; sondern alle Abenteuer sind mit der Seele des Kindes erlebt. Die jungen Leser werden das Buch mit derselben Spannung lesen wie die Erwachsenen. W. F.