Das Schnellzugpaar mit Namen "D 73/74", das zwischen Hamburg und Stuttgart verkehrt, ist mit einer Neuerung versehen worden; mit Musik. Wenn also demnächst die Geschäftsleute aus beiden Handels- und Wirtschaftsstädten einander besuchen, wenn also die einen südwärts, die andern nordwärts reisen, so werden sie nicht mehr Akten studieren, Geschäftspapiere, Rechnungen oder Prospekte – sie werden wie weiland die polnischen Vergnügungsreisenden, die, als es noch ein wirkliches Polen gab; von Krakau nach Warschau fuhren, sich von musikalischen Träumen umgaukeln lassen. Die polnische Strecke seinerzeit war derartig musikalisch, daß in die Schienen Melodien waren hineinmagnetisiert worden. So fortschrittlich sind die Musensöhne der Stuttgarter Eisenbahndirektion nicht vorgegangen: sie entnehmen die fahrbare Musik ganz einfach dem von Rundfunkwellen ohnehin mehr als genug erfüllten Äther. "Außerdem", so versprach die Eisenbahn, "werden Ansagerinnen über das Mikrophon die Landschaft beschreiben." Ei, der Daus! Sie werden dann wohl bei dörflichen Durchfahrten dem Schwabenhansel sein Misthäufle beschreiben, das teuer viel stattlicher ist als voriges Jahr, und wenn man dann in die städtischen Bahnhöfe ’neinfährt, wird’s Ansage-Fräulein ein paar Wörtle über die Dichter fallen lassen, die wo da g’wohnt haben, und besonders in Frankfurt werden die Geschäftsleute aufhorchen, denn es wird von Goethe die Rede sein, und sie werden an den "Götz von Berlichingen" denken, sofern sie dies. nicht schon vorher taten, denn der Ritter mit dem starken Ausspruch war bekanntlich ein schwäbischer Held. Die Geschäftsleute, die für diese Reiseunterhaltung fünfzig Pfennig extra zahlen, werden verzweifelt den Knopf suchen, mit dessen Hilfe man die Musik und die Erklärungen landschaftlicher Schönheit abstellen kann. Hat vielleicht der Ruhm gewisser prominenter Strecken der Sowjetzone nun auch die Eisenbahn-Mächtigen der Westzone dazu angeregt, allenthalben Musik ertönen zu lassen? Hör schneller, Genosse! M.