Von Axel Use

Der gebildete Mensch von heute weiß im allgemeinem, wer Elisabeth Bergner ist. Nicht so verhält es sich mit dem "Stier von Westfalen", von dem bestimmt die, die "die Bergner" kennen, bisher nichts gehört haben. Es handelt sich – man wird es nicht vermuten – um eine junge Dame, die auch schon deswegen, weil sie ein armes Ding ist, alle Sympathie verdient.

Agi Thälmann – Agi ist der Bühnenname von Agathe –, der "Stier von Westfalen", tritt auf wie die Bergner. Das heißt, nicht ganz so. Denn während Frau Bergner mit den Problemen des Lebens und der Seele ringt, wie sie die großen Dichter uns überliefert haben, ringt Agathe mit, anderen Mädchen auf einer Art Bühne. Man nennt dergleichen "Damenringkämpfe"! Auffällig aber und des Nachdenkens wert ist ein anderer Unterschied: Während bei Agathes Schluß- und Siegeskampf nach zwölftägigem "Gastspiel" beispielsweise in Lübeck die Polizei eingreifen mußte, weil der größte Saal Lübecks, die "Auktionshalle", überfüllt war (3500 Personen waren bereits in der Halle und viele Hunderte stürmten begeistert noch an und mußten nach Hause geschickt werden), fanden sich für ein geplantes Gastspiel Elisabeth Bergners in Lübeck knapp ein paar Dutzend Interessenten. Das angesagte Auftreten in Lübeck fand schließlich gar nicht statt.

Nichts gegen Agathe und ihre "Kampfgefährtinnen", die samt und sonders arme Hascherin im Sturme der Zeit sind, die sich für 30 DM "Tagesgage" vor den Augen des Publikums gegenseitig körperlich mißhandeln müssen. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man bedenkt, bis wohin das "auf die Matte legen" der Damen gekommen ist.

Man wird fragen: Was hat eine große Künstlerin, wie Elisabeth Bergner es ist, mit derartigen "Veranstaltungen" zu tun? Nun, da ist allerorten die Diskussion über die Wirtschafts- und Theaterkrise im Gange, über die Hintergründe der "Publikumskrise" ist viel geschrieben worden, und der Schicksalsruf "Die Leute haben eben kein Geld" hemmt alle, die etwas unternehmen wollen. Und dann kommt eine energische junge Dame, "Stier von Westfalen" genannt, daher und nimmt, assistiert von den "Ringerinnen", die sie besiegte, das ganze Krisenbündel auf die imaginären Hörner, und Tausende strömen herbei und brennen darauf, bis zu 4 DM pro Person pro Abend loszuwerden. Auf einmal ist Geld da, auf einmal ist es den Leuten nicht zu kalt oder zu neblig!

Die Leute wollen für ihr gutes Geld "etwas sehen". Aber was wollen sie sehen? Die einen werden sagen, sei das "erotische Element", was da mitschwingt. Aber es gab in Lübeck Revuen, in denen mit der Bekleidung der Damen noch bedeutend mehr gespart wurde und wo trotzdem nicht viele Leute hingingen. Die Erotik ist es also wohl nicht, die lockt. Oder...? Ein wesentlicher Unterschied zwischen Damenringkämpfen und beispielsweise einer Revue – beide als Vergnügen primitiver Art gewertet – ist dieser: Bei der Revue steht fest, wie die Sache ausgeht, bei den Damenringkämpfen nicht. Das Überraschungsmoment also scheint von entscheidender Bedeutung zu sein. Das kommt dem Spielbedürfnis entgegen. Die Leute wollen nicht schauen, sie wollen tippen. Das Publikum ist kein Publikum im eigentlichen Sinne mehr, sondern eine Autorität, die "Punkte" vergibt. Soundso viel Punkte hat eine "Akteurin" vor der anderen voraus. Und dann "holt die andere auf". Wie beim Autorennen.

Schon in den zwanziger Jahren sagte der russische Regisseur Alexander Jahren eine "Krise des Theaterpublikums" voraus, weil es sich mit der passiven, rein betrachtenden Rolle nicht mehr abfindet. Taïroff schlug damals radikale Maßnahmen vor, um das Publikum zu "aktivieren". Und sei es, daß man einzelne Plätze mit Leim beschmiert, damit die Leute ein bißchen aus dem Häuschen kommen! So schlug er damals vor. Es war das "bürgerliche" Publikum, gegen das er insbesondere wetterte. Was für ein Publikum aber läuft in die Damenringkämpfe? Es darf gesagt werden, daß das "gute Publikum" durchaus mit von der Partie war.

Eins ist, sicher: Auf keine Weise läßt sich Frau Bergner mit dem "Stier von Westfalen" "paaren" – wie das Zusammengehen im Sport heißt. Und dennoch sind beide verwickelt in den Kampf um das Publikum, Angesichts des Massenzustroms zu den Damenringkämpfen können einem die Theater leid tun hinsichtlich des "Publikums", um das sie "ringen" sollen... Schade, daß man Herrn Taïroff nicht mehr fragen kann. Vielleicht würde er mit Nero sagen: "Öffnen Sie den Löwenkäfig!"