Wenn man in Basel, jenseits der deutschen Grenzen, heute die Sammlung "Zwischen den Zeilen" (Rudolf Pechel, "Zwischen den Zeilen. Der Kampf einer Zeitschrift für Freiheit und Recht 1932–1942". Mit einer Einführung von Werner Bergengruen. Stuttgart 1948) liest, in der die besten der mutigen Aufsätze des Herausgebers der Deutschen Rundschau in den Regimejahren vereinigt sind, so stellt sich zunächst das gleiche Gefühl der Bewunderung ein, mit dem man vor einem Jahrzehnt den klugen und listigen Kampf Pecheis gegen die geistig ihm unterlegenen, doch praktisch kaum angreifbaren Machthaber verfolgte. Aber dieses gleichsam historische Interesse schwindet mit fortschreitender Lektüre –, mit tiefem Erschrecken wird man gewahr, daß trotz des Untergangs der Nazigrößen diese besinnlichen Kampfrufe nichts an Wichtigkeit verloren haben. Gerade weil der damals gemeinte Gegner nur selten mit Namen genannt werden konnte, bleibt die Warnung und die Anklage gültig gegen jede andre Person oder Gruppe, die der Dämonie der leeren Macht heute verfallen ist oder morgen verfallen mag. Schon um dieser unerwarteten Aktualität willen sei nachdrücklich auf das kleine Büchlein hingewiesen.

Werner Bergengruen hat in seiner ausgezeichnet ten Einführung in knapper Form das Beste gesagt, was zum historischen Verständnis und zur historischen Würdigung der Artikel zu bemerken ist; sie stellen das wichtigste gedruckte Zeugnis dar für die mannhafte Haltung, mit der einige namhafte Vertreter des deutschen Geistes sich den Mächten der Barbarei und der Lüge entgegengestellt haben. Daß es nicht sehr viele gewesen sind, tritt freilich schmerzhaft genug auch hier zutage. Aber man lese die Artikel "Sibirien" oder "Lob des Charlatans" oder "Nomina sunt omina" oder "Bei Dr. Leete". Wenn es die Leser noch gibt, auf die Pechel in den dreißiger Jahren rechnen konnte – gebildete Menschen mit festem Glauben an die unversiegliche Kraft und den endlichen Triumph von Sitte und Recht –, dann können diese Schriften auch jetzt ihre Wirkung nicht verfehlen und müssen zum andernmal die Gewissen wachrütteln und das politische Verstandals schulen. Noch wichtiger freilich schiene es, wenn die Pechelsche Sammlung bewußt einen andern Ziel dienstbar gemacht würde, das der Beobachter draußen als besonders wichtig empfindet: der Erziehung des Journalisten-Nachwuchses. Denn zu den bis heute gebliebenen Erfolgen des tausendjährigen Reichs gehört eine bedenkliche Verwilderung der deutschen Sprache, eine Verarmung des Wortschatzes, ein Verlust des Sinns für die leisen Töne und Nuancen. Man wird vielleicht nicht erwarten dürfen, daß die Jugend Zeit findet, an den großen Meistern der deutschen Sprache von Lessing bis Nietzsche ihr Sprachgefühl neu zu bilden, oder an den "Kritischen Schriften" der Sturm- und Drangzeit (die eben in einer vortrefflichen Auswahl bei Lambert Schneider neu erschienen sind) ihr sprachliches Vermögen der Beschreibung und der Unterscheidung, des Berichts und der Kritik langsam zu schulen. Um so mehr aber sollte Pecheis Buch sich nützlich und hilfreich erweisen, da hier vielleicht der aktuelle Stoff stärker zu fesseln und der lebende Autor vorbildlich und verpflichtend zu wirken vermag, Edgar Salin (Basel)