Von Carl Neumann, Wuppertal

So nützlich es bleibt, über unsere politische Ver-– gangenheit weiter nachzudenken, so unfruchtbar ist es, jetzt noch über wirtschaftliche Verhältnisse, wie sie vor dem 20. Juni 1948 gegolten haben, kritische Betrachtungen anzustellen. Die Unternehmerinitiative war in der Zeit vom Zusammenbruch des Reiches bis zum Tage des Geldschnittes besonders phantasiereich – übrigens keineswegs unschöpferisch –, aber die Ordnung des ganzen Wirtschafts- und Sozialgefüges war aufgehoben. Mit dem Zusammenbruch unseres Staates schwand die Ordnung; die ganze Apparatur wurde überdreht und geriet in Leerlauf. Moralische Verfallserscheinungen liefen parallel Drei Jahre lang wußte die Wirtschaft, deren Fundament immer das Kapital in vielfaltiger Gestalt war, ist und sein wird, daß eines Tages das Geld fast wertlos werden würde. Beinahe überall mußten Kriegsschäden beseitigt und radikale Betriebsumstellungen durchgeführt werden. Die betriebsfertigen Kapazitäten hatten einen erschreckenden Tiefstand erreicht. Roh- und Hilfsstoffe fehlten ebenso wie Ersatzteile. Es handelte sich nur darum, den Kampf um die Existenz zu führen, und hierbei galt die Parole: Rette sich, wer kann! Über die hemmenden gesetzlichen Schranken hinweg wurde zur Selbsthilfe geschritten, Eine spätere Geschichtsschreibung dürfte die Leistungen in diesen Jahren würdigen.

Die Verwüstung des Geldwesens führte zur Tauschwirtschaft. Über das sozial erträgliche Maß hinaus verlangte die Not- und Mangelzeit einen weitgehenden Konsumverzicht. In einem Chaos, das äußerlich geordnet blieb, das aber alle Merkmale der Anarchie trug, entstand, wirtschaftlich gesehen, die Voraussetzung für eine neue Geldordnung, nämlich die Rückgewinnung von Kapazitäten und die Bereitstellung bedeutender Warenbestände zur Sicherung der Währungsreform. Was Selbsthilfe mit unsozialen Härten vorbereitete, wurde zum Fundament einer neuen Wirtschaftsordnung und führte auch zu einer neuen Sozialgestaltung – wenn man hierunter den Lebensstandard, und zwar einen wachsenden Anteil des Sozialprodukts auch für die Masse der Konsumenten versteht. Die Industrie wurde von unwirtschaftlichen Fesseln befreit und befähigt, den Weg der Marktwirtschaft anzutreten, also, die Wirtschaftsform wieder in Kraft zu setzen, die auf die Dauer gesehen den Akzent von staatlicher Bevormundung und öffentlicher Bedarfsbefriedigung auf den Konsumenten willen verlegt. Jeder Unternehmer glaubt unerschütterlich an das wirtschaftliche Ordnungsprinzip der Freiheit in unserer modernen, technisch komplizierten, arbeitsteiligen Wirtschaft. Gewinnstreben, Auslese durch Wettbewerb, Konkurrenzkampf und Wagnis, das Spiel von Angebot und Nachfrage mit Preis und Zins als Lenkungsfaktoren bleiben jeder Bewirtschaftung durch Staat, Länder oder Gruppen überlegen. Wirtschaftlichkeit wird nur auf dem Wege der Selbstverantwortung und persönlichen Haftung erreicht. Gemeinnützige Unternehmungen erscheinen früher wie heute nur angebracht, wo die persönliche Initiative versagt, oder die Größenordnung den privaten Rahmen sprengt.

Daß wir uns gegenwärtig in einer Übergangssituation befinden, welche die reinen Spielregeln der Marktwirtschaft noch nicht wirksam werden läßt, bedarf weder einer Erklärung noch einer Entschuldigung. Der fast revolutionäre Übergang hat sich so radikal und so schnell vollzogen, daß endgültige Formen noch gar nicht erreicht sein können. Wir erleben aber jeden Tag, wie über den Weg wirtschaftlicher Liberalisierung die Wettbewerbsordnung reift und zur Anspannung aller Unternehmerkräfte jetzt schon ruft.

In diese Entwicklung ist die Textilindustrie mit voller Wucht hineingestellt. Sie hat einen beachtlichen Beitrag zur Bereitstellung ausreichender Friedenskapazitäten geleistet und Vorbereitungen getroffen, den nationalen und internationalen Wettbewerb aufzunehmen. Daß ein maschineller Rückstand auf Grund mehr als 15jähriger Abgeschlossenheit in einer Zeit ungewöhnlichen technischen Fortschritts nicht in wenigen Wochen aufgeholt werden kann, versteht sich von selbst. Die gegebenen Möglichkeiten wurden jedenfalls ausgeschöpft, und weitere Verbesserungen dürften in verhältnismäßig kurzfristigen Etappen erwartet werden. Immer noch zwingt der Mangel zu Improvisationen.

Die Wahl der Sortimente zeigt noch nicht die Schärfe des Wettbewerbs und nimmt auch nicht die gebotene Rücksicht auf die Struktur des Volkseinkommens. Hier ist der Industrielle nicht schuldiger als der Konsument, der nur allzuoft die höchsten Preise zahlen will, weil er zu Waren niedrigerer Preisklassen kein Vertrauen hat. Die Abwertungen vieler Währungen verlangsamen den Reinigungsprozeß der Sortimentgestaltung und Preisbildung. Unbedingte Voraussetzung für eine klare und ruhige Entwicklung ist die stabile Währung. Hausseartige Zustände entstehen gegenwärtig sicherlich nicht dadurch, daß der Verbraucher zuviel Geld verdient, sondern aus psychologischem Grund deshalb, weil er zum Geld und zur wirtschaftlichen Entwicklung noch kein rechtes Vertrauen hat. Eine organische Bedarfsdeckung wird eintreten, sobald sich die wirtschaftlichen und währungspolitischen Verhältnisse beruhigen und klären.

Daß Nationalwirtschaften nicht mehr in Autarkie gedeihen können, ist nun allgemein bekanntgeworden. Das 20. Jahrhundert formt evolutionär oder revolutionär große Wirtschaftsräume. Die angestrebten Vereinigungen und Zollunionen reichen nicht aus. Je größer der Zusammenschluß, desto besser der Wirtschaftserfolg. Über die politische Notwendigkeit zur Großraumgestaltung bedarf es keiner Worte. Die stärkste Werbung für die westliche Hemisphäre ist der wirtschaftliche Wohlstand seiner Bürger. Steinende Produktivität bleibt das A und O des Wirtschaftens.