Der Prozeß gegen den früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten Traitscho Kostow hat nicht den Verlauf genommen, den das Kominform für derlei Aktionen der volksdemokratischen Justiz vorgesehen hat. Anstatt sich in phantasievollen Selbstanklagen zu ergehen, hat Kostow gleich am ersten Verhandlungstag alle wesentlichen Vorwürfe der Anklage zurückgewiesen und sein Geständnis, das er in der Voruntersuchung in 32 000 Worten handschriftlich festgelegt hatte, widerrufen. Die Überraschung in Sofia was so groß, daß die bulgarische. Presse zunächst nur ein paar Zeilen über den Prozeß veröffentlichte und die Tatsache des Widerrufs völlig verschwieg. Selbst in Belgrad, wo man genauer als anderswo über die Vorgänge in Bulgarien unterrichtet ist, war man perplex. Einige Stunden vorher hatte das Informationsbüro Titos eine Stellungnahme an die Presse geleitet, worin gesagt wurde, daß der Kostow-Prozeß nichts als ein Schablonenabklatsch des Rajk-Prozesses sein werde. Das Gegenteil hat sich als richtig erwiesen.

Wie es zu dieser Panne kam, die wahrscheinlich nicht ohne bedeutende personelle Rückwirkungen auf den dafür verantwortlichen bulgarischen, ja vielleicht sogar auf den sowjetischen Justiz- und Sicherheitsapparat bleiben wird, kann nur vermutet werden. Auffallend war bereits, daß Kostow, der etwa gleichzeitig mit Rajk im April verhaftet wurde, auch als Rajk längst gestanden hatte und hingerichtet worden war, noch immer nicht vor Gericht kam. Man muß daraus schließen, daß er ganz besonders schwer zu einem Geständnis zu bewegen war. Der Untergrundführer der bulgarischen Kommunisten im Kriege, der sich nicht gescheut hatte, aus dem vierten Stockwerk des Sofioter königlichen Polizeigefängnisses zu springen, scheint eine entsprechende Härte auch den Untersuchungskünsten seiner kommunistischen Parteigenossen entgegengesetzt zu haben, die sein Geständnis erst nach einem schweren, monatelangen Kampf erlangten. Das Geständnis aber ist die conditio sine qua non dieser Art von Prozessen. Zwar lassen die kommunistischen Regime zu Tausenden und Zehntausenden die bürgerlichen Opponenten wie auch kleine Kommunisten verschwinden und verrecken, ohne sich mit Prozessen abzumühen. Wenn dagegen führende Persönlichkeiten des eigenen Lagers beseitigt werden sollen, wird regelmäßig ein großes Verfahren inszeniert, in dem der Angeklagte selbst den Nachweis zu führen hat, daß er in Wirklichkeit gar kein Kommunist, sondern ein getarnter Agent des Kapitalismus war, der für Geld Spionage getrieben und im Auftrag der Westmächte einen Umsturz vorbereitet hat. Stalin will keine kommunistischen Märtyrer in seinem Bereich. Und ein geständiger Spion hat keine Chance, ein Märtyrer zu werden,

Kostow hat nicht sein ganzes Geständnis widerrufen. Den Vorwurf der Opposition gegen Dimitrow und des Widerstands gegen die Ausplünderung Bulgariens durch die Sowjetunion ließ er bestehen. Man sieht, daß er sich zu den "Strafhandlungen" bekannte, die in Bulgarien, gerade auch unter den Kommunisten, populär sind. Den Vorwurf der Spionage und des Landesverrats dagegen, auf den es den Anklägern gerade ankommen muß, wies er zurück. Das heißt, er hat genau das erreicht, was verhindert werden sollte, er hat die Chance erreicht, ein Märtyrer zu werden. Es ist kaum ein Zweifel, daß er das Fiasko, welches er damit den Anklägern bereitet hat, in der Zeit zwischen Urteil und Exekution bitter bezahlen wird. Daß ihm dieser Preis nicht zu hoch ist, bestätigt die Behauptung, daß Kostow ein Fanatiker von reinstem Wasser ist. Es deutet aber auch darauf hin, daß noch starke oppositionelle Kräfte in der KP Bulgariens vorhanden sind, denen er durch sein Verhalten Auftrieb zu geben hofft. Die Auseinandersetzung unter den bulgarischen Kommunisten wird daher trotz der Geständnisse der zehn Mitangeklagten des KostOW-Prozesses wahrscheinlich weitergehen ohne Beteiligung der breiten Massen des Landes, die Dimitrow, Kolarow und Kostow in gleicher Weise hassen.

H. A.