Von K. N. Nicolaus

Es ist ein weiter Weg von der Art, mit der die Jugend Griechenlands die aus Stein gehauenen Göttinnen des Praxiteles betrachtete, bis zu den platten Nasen, die sich Menschenkinder heute an den Schaufenstern von Geschäften drücken, in denen Wachspuppen die netten heute modernen Dessous zur Schau stellen. Bald nach dem ersten Weltkrieg erschien einmal im "Simplizissimus" ein hervorragendes Bild über diese plattgedrückten Nasen: Man sah einige Halbstarke an so eine Fensterscheibe gepreßt und dahinter die Wachspuppen und darunter stand: "Frühlingserwachen in der Großstadt". Ein Zeitdokument, solange es große Städte geben wird!

Die Herrschaft der Wäsche in der erotischen Phantasie (bekanntlich gibt es ja Theoretiker, die jede Phantasie als erotisch fundiert ansehen) ist latent. Die Funktion jener Gebilde, die man die "Dessous" nennt, in der Weltgeschichte erscheint inopportun, eventuell shocking, und die Erforschung solcher Tatbestände wird Außenseitern überlassen. Die Franzosen allerdings – den Dingen der Erotik auch geistig sehr aufgeschlossen – machen eine Ausnahme. In Frankreich war es, wo 1861 Emile Gaborieau ein Buch schrieb: "Les cottillons célèbres", zu deutsch: "Die berühmten Unterröcke".

Hier werden die Dessous unter einem gewissen welthistorischen Aspekt gesehen, aber es handelt sich um kein Mode-Traktat, sondern um den Einfluß, den die Damen, nun sagen wir: die "Meisterinnen der Dessous", auf jene Männer nahmen, die in ihrer Zeit die Welt bedeuteten. Verzeihung ja, es führen diese Untersuchungen etwas ins Illegitime. Wir würden heute sagen: Das Schräge in der Welt und in der Liebe ist mit Dessous bewimpelt. Der Franzose sagt es natürlich blumiger; er spricht von den "reines d’amour, qui, d’un regard souvent, am change la politique des rois qu’elles dominainent. (Von den Königinnen der Liebe, die, oft mit einem Blick, die Politik der Könige geändert haben, die sie beherrschten.) War es nun ein Blick, den sie gestatteten oder den sie warfen? Ja, es werden als berühmte Unterröcke (ich erwähne dies, weil das Buch verschollen ist und eine Rarität bildet) in diesen Untersuchungen unter anderen Fredegundis, die Geliebte des Childerich, dann Odette de Champdivers, die Geliebte Karls VI. von Frankreich, Agnes Sorel, die Comtesse de Chateaubriand, Anne de Pisseleu, die den großen Dichter Rabelais förderte – so daß man sagen kann, er hätte es ohne sie nicht zu Weltruhm gebracht – dann "La belle Ferronière", die Leonardo da Vinci malte, Diana von Poitiers, die Freundin König Franz I., und viele andere behandelt. Man erschrickt vor der Vielzahl der Namen; man erschrickt vor der Macht, die von den "Unterröcken" her die Fundamente der Mächtigen zu erschüttern vermochte. In dieser Aufzählung geht eine Beziehung von den "berühmten Unterröcken" zu den Künsten. Rabelais also wird erwähnt und Leonardo da Vinci. Die Künstler aber sind es, die, so oder so, mit einer gewissen Weitsicht für die Erotik gesegnet sind. Und mit jener Vorurteilslosigkeit, die den Schleier vor den Gestalten nicht zu einem undurchsichtigen Scheuertuch werden läßt.

Die Mode, bekanntlich eine allmächtige Zauberin, die das Unterste zuoberst kehrt, wenn sie will, treibt auch mit dem Dessous ihr Spiel. Man könnte sagen, daß die "Dessous" sich von der Unterkleidung (im Gebrauchssinn) durch folgendes unterscheiden: die Dessous werden angezogen um des Ausziehens willen. Die Unterkleidung aber wird angezogen um des Angezogenseins willen. Man sage nicht, daß das theoretisch eventuelle Sichtbarwerden der Dessous bei ihrer modischen "Ausgestaltung" keine Rolle spielt! Da erzählt Liselotte von der Pfalz, die der Philosoph Leibniz bereits sehr lobte und die eine bewundernswert freimütige Person war, daß auch in der Zeit, da jede wirkliche Dame einen Reifrock trug, nur die älteren Frauen "wollene Unterhosen" getragen hätten, obwohl es das Gegebene gewesen sei. Der Reifrock gab keinerlei wesentliche Perspektiven in die Wäsche frei. Dennoch setzt sich die praktische Wolle auch im Winter nicht durch oder zumindest "nur für die älteren". Das ganze "modische" Anziehen hat mit der Bekämpfung von klimatischen Einflüssen oder praktischen Gesichtspunkten nichts zu tun. Die Phantasie allein ist Dienerin und Herrin der Mode.

Über die erotische Funktion der Dessous gibt es einen Experten, den Chevalier de Seingalt, der als Casanova berühmt wurde. Casanova bekundet in seinen Memoiren einen Horror vor farbiger Unterwäsche aus Samt bei Damen. Er empfindet es geradezu als einen Keulenschlag!

Die Neuzeit hat eine Sache erfunden, die es nie vordem gab: die Dessous mit Musik, jene Unterkleidung, die unter dem Kennwort "Frou-Frou" in die Konversationslexika einging. Das besonders konstruierte Futter des Oberrocks rieb sich dabei auf dem mit Volants versehenen Unterrock, und es gab dabei – wie ein alter Modenbericht von vor 80 Jahren besagt – "ein protziges Geräusch, das die Seele der Herren tangieret". Es soll auch heute wieder Unterröcke geben, die sich allerdings durch sehr gezähmten Frou-Frou in die Seele der Herren zu singen versuchen.

Wenn ich manchmal vor den Schaufenstern stehe, in denen "Gedichte aus Nylon" – bestimmt, die Göttinnen von heute zu zieren, die man in den Revuen anbetet – ausgestellt sind, so rumort in meinem Gedächtnis stets eine welthistorische, aber äußerst blutige Reminiszenz: daß es nämlich die große, französische Revolution von 1789 war, die die Darbietung von Damenhemden als öffentliches Schauspiel erstmalig ermöglichte. Frau Hamelin, sodann die Witwe Beauharnais, die Bonaparte heiratete, waren es, die mit kreolischer Verve das Hemd als Ballkleid aus der Taufe hoben. Die Mode griff dann um sich. 1801 gewann eine Dame der Gesellschaft in Hannover, die sich verpflichtet hatte, nur mit Hemd und einem Halstuch bekleidet, in den Straßen der Stadt spazieren zu gehen, eine hohe Wette, daß niemand es merken würde. Was aber soll aus uns werden, die wir dem vereinten Ansturm von Nylon-Dessous und Unterröcken, die auch wieder Mode sind, auf unsere Phantasie ausgesetzt sind? Man darf gespannt sein, was aus der Liebe wird, wenn die Phantasie erst vernylont ist.