Mitte Dezember steht in London die Aufnahme Westdeutschlands in den Weltweizenrat erneut zur Diskussion. Den ersten deutschen Antrag hatte man im Herbst gleichzeitig mit dem Antrag Japans zurückgestellt, weil für einen großen Teil der Mitgliedstaaten, so wurde argumentiert, es nicht mehr möglich gewesen wäre, vor Abschluß der Konferenz die Meinung der zuständigen Regierungen einzuholen.

Wir, sollten nun möglichst wenig von der kommenden Konferenz erwarten. Was unsere Position stärken wird, ist, die Haltung der Vereinigten Staaten, die als gegenwärtig größter Weizenexporteur naturgemäß den Produzentenstandpunkt am deutlichsten vertreten und darum in der Aufnahme, Deutschlands und Japans in den Pakt eine Stärkung ihrer Stellung sehen. Diese Stärkung brauchen die USA insbesondere unter dem Gesichtspunkt der außerordentlich hohen Farmersubventionen; denn je mehr es Weizenpaktteilnehmer, die Importeure sind, gibt, desto sicherer ist der amerikanische Absatz zu günstigen Preisen. Diese wiederum bedeuten geringere Subventionen an ihre Farmer. Westdeutschland wird zudem durch seine starke Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten kaum als ausgesprochener Importeur auftreten können, womit die Stellung der anderen großen Importeure und insbesondere Großbritanniens, meint man in London, gefährdet wird. Die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt liegen nämlich heute drei- bis fünfmal höher als vor dem Kriege. Damit haben die Preise industrieller Exportgüter, die die Weizenimporteure anzubieten haben, nicht Schritt gehalten. Sie wollen zum Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz irgendwie und möglichst bald die Weizenimportpreise korrigieren, also senken. Nicht umsonst bezeichnet man darum auch in London die überhöhten Nahrungsmittelpreise gerade der Vereinigten Staaten als die Wurzel des europäischen Dollarmangels.

Die Gegensätze sind somit groß. Und man darf nach Lage der Dinge prognostizieren, daß es kaum wieder zu einem neuen Weizenabkommen kommen dürfte. Eigentlich sind schon jetzt die Voraussetzungen, die der Schaffung des Weizenrates zugrunde lagen, nicht mehr gegeben. Dem Weizenabkommen lag, wie bekannt, ein Ausgleich des Bedarfs unter vernünftiger Preisgestaltung zugrunde. Inzwischen hat sich auf dem Weltmarkt die Umkehr von Mangel zur Fülle vollzogen und alle noch so gut fundierten statistischen Berichte können nicht darüber hinwegtäuschen, daß auf dem Weltegtreidemarkt ein Überfluß vorhanden ist, der sich im nächsten Jahr noch steigern wird. Insbesondere wird man dann mit Argentinien, Australien und der UdSSR auf dem Weizenmarkt rechnen müssen. Die Vereinigten Staaten werden mehr und mehr ihre Stellung als Weizenexporteur verlieren.

Für Westdeutschland würde die Aufnahme in den Weltweizenrat bei einer beantragten Quote von 1.5 Mill. t die Kosten der Weizeneinfuhr um 61 Mill. DM senken; ein relativ geringer Betrag, wenn man bedenkt, daß der Gesamtsubventionsbedarf für Nahrungsmittel nach den letzten Erhebungen sich jährlich auf gut 800 Mill. DM beläuft. Vielleicht ist bald die Frage der innerdeutschen Subventionen geklärt; daß nämlich Subventionen nicht mehr gezahlt werden. Dann wird eine Bindung im Weizenpakt auch auf die Neufestsetzung der deutschen Getreidepreise einwirken. Alfred Strothe