Ein kritischer Rückblick auf die Entwicklung der schleswig-holsteinischen Textilindustrie zeigt, daß sie sich auch im Jahre 1949 als ausgesprochen krisenfest erwiesen hat und alle Förderungsbestrebungen des Kieler Wirtschaftsministeriums beste Früchte zu tragen beginnen. Schleswig-Holstein zählt augenblicklich 73 Betriebe der Textilindustrie, die rund 6500 Arbeitnehmer beschäftigen. Und von diesen 73 Betrieben wurden allein 30 Unternehmungen nach Kriegende mit Unterstützung des Wirtschaftsministeriums gegründet. Neben Neumünster, das der traditionelle Mittelpunkt der schleswig-holsteinischen Bekleidungsindustrie mit seiner umfangreichen Herstellung von Anzug- und Mantelstoffen ist, wurden Heide und Husum zu weiteren markanten Ansiedlungspunkten. Hier waren es vor allem Betriebe aus Ostdeutschland, aus der Niederlausitz und aus dem Sudetenland, die Textilunternehmungen ins Leben riefen.

Eine sehr günstige Entwicklung nahm die früher in Cottbus ansässige Tuchfabrik Polscher, die kürzlich ihrer modernen medianischen Weberei in Heide eine Spinnerei angegliedert hat. Von den übrigen Textilbetrieben der Niederlausitz konnte noch die Firma W. Wolf, Guben, neue Produktionsstätten in Neumünster einrichten, während mehrere ehemals führende Forster Tuchfabriken sich in Süddeutschland, nämlich in Neu-Ulm, als "Tuchmacher-Interessen-Gemeinschaft" niedergelassen haben. Die ebenfalls früher in Forst ansässige Firma Bruno Hentschke (Roßhaarverarbeitung) fabriziert jetzt in Iserlohn. Die Firma Groschwitz hat Zittau mit Deggendorf und die Firma Dierig Langenbielau mit Augsburg vertauscht. Ebenfalls in Augsburg hat sich die bekannte und einst in Cottbus ansässige Tuchfabrik Grovermann etabliert. Von den übrigen Cottbuser Tuchfabriken arbeiten die Unternehmen Ephraim in Aachen, Wilhelm Westerkamp in Düren und Th. Frohne in Herzogenaurach bei Erlangen. Die Smyrna-Teppichfabrik, die vor dem Kriege in Cottbus hervorragende Qualitätserzeugnisse produzierte, konnte in Hannover eine neue Fertigungsstätte einrichten.

In Schleswig-Holstein zeigt sich innerhalb der Textilindustrie allgemein eine langsame Umstellung vom Handbetrieb auf den mechanischen Betrieb. Das drückt sich sehr deutlich in der ansteigenden Produktion aus: wurden Ende 1948 z. B. kaum 27 000 laufende Meter Baumwollstoffe in Schleswig-Holstein hergestellt, so sind es jetzt immerhin schon 80 000 Meter. In den Streichgarnspinnereien sind 30 852 Spindeln in Betrieb. Außerdem laufen rund 13 000 Zwirnspindeln und 9000 Kammgarnspindeln. Eine wichtige Frage ist die der Ausbildung neuer Fachkräfte. Hier hat sich die Textilschule Neumünster besonders verdient gemacht. Die Einrichtung einer Spinnerei und einer Appretur soll die Schule in nächster Zeit noch vervollkommnen.

Neben der Textilindustrie hat aber auch die Bekleidungsindustrie Schleswig – Holsteins eine sehr günstige Entwicklung genommen, obwohl die Mehrzahl der 174 Unternehmungen erst nach Kriegsende gegründet wurden. Hier war es vor allem der Zustrom zahlreicher Experten aus Berlin, Stettin und Breslau, die durch ihre Initiative nicht nur in Kiel, sondern u. a. in Flensburg, in Rendsburg, Bad Oldesloe, Bad Segeberg, Elmshorn, Uetersen, Marne, Bargteheide, Trittau, Kappeln, Lübeck, Bramstedt und Pinneberg leistungs- und konkurrenzfähige Betriebe der Damen- und Herrenbekleidungsindustrie aufgebaut haben. Sie verfügen heute über rund 7000 Arbeitnehmer und dürften einen Gesamtmonatsumsatz von 7 Mill. DM aufweisen. ww,

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Mit einem Stammkapital von 36 000 DM wurde von der Bekleidungsindustrie in Hamburg die NORBI-GmbH. gegründet. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Fritz Behrens, Hamburg; zu Geschäftsführern wurden bestellt Dr. Humann, Hamburg, Dr. Nebe, Kiel, und Arthur Mißbach, Hannover.