Die westdeutsche Seiden- und Samtindustrie, zu fast 90 v. H.in Nordrhein-Westfalen (davon je drei Siebtel im Krefelder und Wuppertaler, ein Siebtel im Bielefelder Bezirk) und zu gut 10 v. H. in Süddeutschland beheimatet, erfreute sich auch in den letzten Monaten einer anhaltend guten Konjunktur. Namhafte Unternehmen stellten weitere Arbeitskräfte ein, ohne daß der laufende Bedarf an Fachpersonal schon gedeckt werden konnte, erhöhten die Arbeitszeit teilweise bis auf 52 Wochenstunden oder arbeiten in Doppelschichten.

Die Nachfrage nach Erzeugnissen der Seiden- undSamtweberei, hauptsächlich nach kunstseidenen Breitgeweben, wurde durchweg als recht befriedigend bezeichnet. Ja, einzelne bevorzugte Unternehmen sahen sich zu Angebotskohtingentierungen genötigt, um die Kundschaft gleichmäßig beliefern zu können. Der Bedarf hat sich differenziert. Der Zug zur Qualitätsware auf Vorkriegsstand ist ein Zeichen der Zeit – richtiger: des steigenden Wettbewerbs am Ladentisch des Einzelhandels. Aber es wird nicht nur höchstwertige Ware verlangt, sondern in den einzelnen Preisstufen haben sich die Ansprüche hinaufgeschraubt. Die Nachfrage stieg sowohl in billigen als auch in teuren Erzeugnissen; sie erstreckte sich nicht minder auf gute Mittelware. Die Krawattenstoffindustrie sieht sich mehr und mehr zur Naturseide hingedrängt, da die Kunstseide verwohnten Ansprüchen offenbar nicht mehr genügt.

Der Garnzufluß gewährte vor allem der Kunstseidenverarbeitung eine wesentlich größere Beweglichkeit; die deutschen Kunstseidenfabriken liefern befriedigend an. Jedoch wurden bei dem breiten Gespinstsortiment der Seiden- und Samtindustrie vereinzelte Engpässe noch nicht völlig überwunden. Das gilt besonders für hochwertige Voll- und Baumwollgarne, Naturseiden-, Krepp- und Spezialgarne ausländischer Herkunft.

Die Preise hielten sich bis zur Änderungder Wechselkurse nahezu auf gleichem Stande mit vielleicht leichter Neigung nach unten. Billigere Schweizer Baumwollgarne schufen eine größere preispolitische Beweglichkeit, die durch günstigere Hills- und Betriebsstoffeinkäufe unterstützt wurde. Jedoch sprach die Gunst der Nachfrage bislang noch für ziemlich feste Notierungen. Mit der Verteuerung der Rohstoffe und Garne aus Ländern mit "harter Währung" hat sich die Selbstkostenrechnung wieder völlig verschoben, so daß bei anhaltender Konjunktur mit einem Preisdruck nicht mehr zu rechnen ist, wohl aber eine Wiederverlagerung des Spinnstoff Verbrauchs zu heimischen Kunstfasererzeugnissen möglich und durchaus erwünscht erscheint.

Die Ausfuhr hat sich leider erheblich verschlechten. Ein großer langfristiger Abschluß mit einem britischen Abnehmer, der namentlich Futterstoffe bezog, lief aus. Sonstige alte Kontrakte zu einem günstigen Kurs sind nahezu ausgeliefert. Die Ausfuhranteile waren schon vor den Währungsumstellungen beträchtlich gesunken, vereinzelt von 60 auf 6 v. H. des Gesamtumsatzes. Andere Unternehmen hielten sich bei etwa 30 v. H. Herrenfutterstoffe, kunstseidene Uni-Kleiderstoffe und verschiedene Export Sonderheiten gingen vorzüglich nach Holland, Belgien, England und ins britische Weltreich. Die Abwertung des Pfundes hat die Exportchancen sehr stark vermindert.

Es ist zu befürchten, daß die für das Inland gut beschäftigte Seiden- und Samtindustrie ihre überkommene Exportfreudigkeit einbüßen kannte, wenn das Überspringen der neuen Barrieren durch natürliche Kostensenkung mit allzu großen Schwierigkeiten verbunden ist. Anderseits sollte ein aufnahmefähiger Binnenmarkt (als breite Kostengrundlage) die beste Voraussetzung sein zur Förderung des Exports. o.