Die Situation im Textileinzelhandel ist in den Wochen seit der Pfund Abwertung durch verschiedene Unsicherheitsfaktoren gekennzeichnet. Zunächst drehte der Handel zwischen zwei Mahlsteine zu geraten: Auf der einen Seite ein durch übertriebene Befürchtungen zu Angstkäufen schreitendes Publikum, auf der anderen eine ganze Anzahl von Lieferanten, welche die Währungsabwertung mit einer in den letzten Monaten nicht mehr gekannten Zurückhaltung, mit der Wiedereinführung von Preisvorbehaltsklauseln bis zu tatsächlichen Preiserhöhungen beantworteten, die in Einzelfällen eine Höhe von 10 v. H. erreichten. Mag die Kritiklosigkeit der Verbraucher im Hinblick auf seit 1914 gemachte Erfahrungen noch in etwa verständlich gewesen, wenn auch dank der im allgemeinen disziplinierten Haltung, des Einzelhandels nicht herausgefordert worden sein, so beweist der – leider erst etwas verspätet in der zweiten Oktoberhälfte erlassene – Aufruf aller Verbände der Spinnstoftwirtschaft, angefangen bei der Arbeitsgemeinschaft der Textilindustriellen-Verbände über die Bekleidungsindustrie bis zum textilen Groß- und Einzelhandel, daß zu übereilten Schmitten keine Veranlassung vorlag.

Zumindest mußte man sich in Fachkreisen darüber klar sein, daß den Rückwirkungen auf die Gestehungspreise der amerikanischen Baumwollimporte solche im umgekehrten Sinne für die ägyptische und türkische Baumwolle und für das Zollgebiet in seiner Gesamtheit gegenüberstehen würden. Wenn auch inzwischen die Preise für Wolle in den Erzeugerländern erhöht worden sind und z. B. in Afghanistan die Teppichpreise sogar um 30 v. H. erhöht wurden, so fragt es sich doch, ob diese Tendenz sich fortsetzen wird und ob für Baumwolle die gestürzten Preise in den USA noch lange die gleiche Höhe werden behaupten können. in einer Zeit, die im Zeichen einer beginnenden Übersättigung des Weltmarktes an Textilien steht. So ist denn die Lage auch bis heute noch nicht als geklärt anzusehen, und bezeichnend sind die Reaktionen, so z. B. in Bradford, durch, die der Wollhandel zu erkennen gibt, daß er keineswegs willkürliche Preiserhöhungen hinzunehmen geneigt ist.

In Deutschland darf man, jedenfalls was die Haltung des Publikums angeht, von einer Beruhigung sprechen. Zu erwähnen ist auch, daß jene Kaufpanik regional sehr, unterschiedlich, in Erscheinung trat... Während in Niedersachsen der September dem Einzelhandel die bisher höchsten. Monatsumsätze dieses Jahres brachte vor allem bei Bekleidung, Wäsche, Schuhen usw., und-, sogar die Umsätze des Sommerschlußverkaufes überboten würden, war in anderen Ländern die Kurve der Verkäufe nur wenig erhöht. Man kann es dahingestellt sein lassen, ob tatsächlich zunehmende Einsicht oder die beruhigenden offiziellen Erklärungen einen Einfluß ausgeübt haben. Eine im Hinblick auf die zukünftige Umsatzentwicklung, und für die an das Weihnachtsgeschäft geknüpften Erwartungen wichtige Tatsache ist jedenfalls, daß die für zusätzliche Käufe verfügbare Kaufkraft sich sehr schnell erschöpfte. Da also ersparte oder für Weihnachten zurückgelegte Mittel nicht mehr verfügbar sind und auch nicht so schnell wieder ergänzt werden können, muß sich diese Vorwegnahme irgendwann und irgendwie naturgemäß einmal bemerkbar machen. Hierüber ist nah sich im Einzelhandel vielleicht nicht immer klar genug, und dies hat zu einer immerhin bemerkenswerten "Mahnung" seitens der Fabrikanten im Lande Rheinland-Pfalz geführt, sich vor Überdispositionen zu hüten, da die Industrie keineswegs in der Lage sei, irgendwelche Retouren anzunehmen.

In die gleiche Richtung deuten Ergebnisse von Untersuchungen, die das "Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften" in Köln angestellt hat, und die zeigen, daß trotz größten Nachhol- und Anschaffungsbedarfs an Spinnstoffwaren die Bedarfsbefriedigung mangels Kaufkraft in sehr engen Grenzen bleiben muß. Während nämlich im Jahre 1928 eine Arbeiterfamilie mit 4,2 Köpfen monatlich je Kopf 8,33 RM für Bekleidung einschl. Schuhe sowie ihre Instandhaltung und Reinigung ausgab, waren es im Januar 1949 nur 9,52 DM. Infolge der Preiserhöhungen bewegen sich also die Anschaffungen auf einer Höhe, die zwischen einem Drittel und der Hälfte der Vorkriegszeit liegen dürfte. Das bedeutet, daß bei einer Schätzung der zukünftigen Umsätze nur von dieser Tatsache und nicht etwa von Sonderentwicklungen, wie sie gelegentlich des Sommerschlußverkaufs oder der Währungsabwertung zu beobachten waren, ausgegangen werden darf. Ebenso wäre es absolut falsch, den zweifellos vorhandenen riesigen Bedarf einer Umsatzschätzung zugrunde zu legen.

Aus allem geht hervor, wie wichtig die Vermeidung von Preiserhöhungen ist. Denn da kein erhöhter Teil des Einkommens für Spinnstoffwaren mehr wird ausgegeben werden können, müßten Preiserhöhungen nur zu dem Ergebnis führen, daß die stückmäßigen Anschaffungen entsprechend zurückgehen. Aus dem Textileinzelhandel liegen viele Berichte vor, wonach Kaufleute Lieferungen unter Preisvorbehalt oder gar zu erhöhten Preisen abgelehnt haben. Dies Verhalten verdient überall dort, wo es der Lage der Dinge nach gerechtfertigt ist, unbedingte Nachahmung, zumal die Versorgungslage fast durchgehends entspannt ist. Außerdem aber muß mit der schon so oft wiederholten Mahnung nunmehr Ernst gemacht werden, das Ziel der Produktionspolitik nicht in einer möglichst weitgehenden Veredelung von Rohstoffen und Waren, sondern in der Herstellung von Erzeugnissen für den Bedarf der breitesten Schichten der Bevölkerung zu sehen. Das gilt von dem vielseitig im Haushalt verwendbaren Nessel bis zum Taschentuch oder fertigen Kleid und bedeutet, daß mancher Betrieb die Rückkehr zu dem früheren Genre finden sollte. B. S.