Die westdeutsche Teppich- und Möbelstoffindustrie, im Bundesgebiet über 12 Fabriken in Hannover, Hameln, Fulda und vor allem in Nordrhein-Westfalen verfügend, erlebt in diesen Monaten eine ausgesprochene Konjunktur. Unermüdlich klappern in den Fabriken die Webstühle, und der Inland-Absatz darf als recht gut bezeichnet werden. Leider kann man die gleiche Feststellung nicht auch auf dem Exportgebiet anwenden: einst eine der exportintensivsten Gruppen der deutschen Textilindustrie, hat die Teppich- und Möbelstoff Industrie bisher im Export nur bescheidenste Anfangserfolge erreichen können, obwohl jenseits der deutschen Grenzen deutsche Teppiche und Möbelstoffe in ihrer hervorragenden Qualität noch in bester Erinnerung sind und man sie gern kaufen würde, wenn sie nicht in die Gruppe der "non essential goods" eingereiht worden wären.

Die sehr vielseitige Musterung macht in dieser Industrie ein umfangreiches Rohstoff-Sortiment notwendig. Leider bereitet die Garnbeschaffung aber immer noch erhebliche Sorgen. Und vor allem fehlen die für die Herstellung bestimmter Artikel nicht entbehrlichen britischen Wollgarne so gut wie ganz. Dabei ist zu bedenken, daß vor dem Kriege rund zwei Drittel aller aus Großbritannien eingeführten Wollgarne in der Teppich- und Möbelstoffindustrie verarbeitet wurden. Das waren damals neben Haargarn und Mohairgarn in erster Linie harte Kammgarne, Heute dagegen werden überwiegend weiche Garne eingeführt, die früher andere Länder lieferten und die außerdem besonders günstig sich in anderen Betrieben der Textilindustrie verwenden lassen. Diese Entwicklung ist eine Folge des allgemeinen Wollgarn-Engpasses. Ihn hat auch der westdeutsche Handelsvertrag mit Großbritannien bisher nicht beseitigen können.

Man hofft nun aber auf eine recht baldige Normalisierung dieser Verhältnisse, zumal die übrige Rohstoffversorgung als durchaus befriedigend bezeichnet werden kann Die Preise für Fertigerzeugnisse – man darf sie angemessen nennen – sind stabil. Hieran haben auch die durch Währungsabwertungen verschiedentlich eingetretenen Rohstoffverteuerungen für den deutschen Verbraucher nichts geändert. Und als besonders interessante Feststellung sei vermerkt, daß die Konjunktur dieses bedeutsamen Zweiges der Textilindustrie maßgeblich von der günstigen Lage auf dem westdeutschen Baumarkt bestimmt wird. Ist es nicht doch schließlich ein erfreuliches Zeichen für die allgemeine Aufwärtsentwicklung (und ebenfalls für die deutsche Wohnkultur), daß man sein Heim nach den langen Jahren der Entbehrung wieder mit einem Teppich (wenn auch einem ganz einfachen), einem Läufer und einem geschmackvollen Möbelstoff ausstatten kann? Willy Wenzke