Freiburg, im Dezember

Während alle Welt von einer drohenden oder schon effektiven Theaterkrise als Teil der Kulturkrise spricht und Untersuchungen darüber anstellt, wie dem todkranken Patienten aufzuhelfen sei, legt die Stadt Freiburg im Breisgau einen Optimismus an den Tag, der auf den ersten Blick schon an Tollkühnheit grenzt: Am 30. Dezember 1949 wird dort Westdeutschlands modernstes Theater, das "Große Haus" der Städtischen Bühnen, mit einer Festvorstellung der "Meistersinger von Nürnberg" der Öffentlichkeit übergeben.

Der imposante Komplex, der vorerst ein Theater mit 1200 Plätzen und ein Kino für 1000 Personen (es soll am 26. Januar 1950, gleichfalls unter städtischer Regie, eröffnet werden) umfaßt, ist in weniger als einem Jahr auf dem Ruinenfeld des alten Stadttheaters entstanden. Die Stadt Freiburg verdankt diesen Wiederaufbau vor allem der Initiative ihres Oberbürgermeisters Dr. Wolfsrang Hoffmann, der dem räumlichen Notbehelf, der besonders die Oper und Operette betroffen hatte, ein Ende bereiten wollte. Zugleich war es darum gegangen, "zu achtzig Prozent zerstörtes Gemeindegut" zu erhalten; denn der Eisenbeton-Kern des wilhelminischen Prachtbaus aus dem Jahre 1910 war trotz des Bombensturmes einigermaßen intakt geblieben. –

Das alles war aber nicht das Entscheidende für die Bewilligung des Millionenbetrages durch die Stadtväter gewesen: der Oberbürgermeister hatte nachweisen können, daß sich die Rekonstruktion durch die Inbetriebnahme eines städtischen Kinos im gleichen Hause, eines (notwendigen) Konzertsaales über dem alten Theaterfoyer, eines Kellerrestaurants eines Dachgartencafes und einer Laden passage in etwa zehn Jahren, amortisieren würde, daß die restliche Summe, noch einmal in die Millionen gehend, durch Ein – zeldarlehen der an den Nebenbauten interessierten Geschäftsleute sich mühelos aufbringen ließe und daß dies alles unbeschadet des laufenden Wohnungs- und Siedlungsbauprogramms möglich sein werde. So begann man im Februar 1949 mit der Enttrümmerung des alten Stadttheatergeländes, drei Monate später mit der Neukonstruktion.

Schon im Herbst grüßte die Richtfesttanne vom Dach des etwa dreißig Meter hohen Bühnenhauses, das den Zuschauerraum wie früher um etliche Meter überragt, nun aber mit den modernsten technischen Einrichtungen – einer 108 verschiedene Stromkreise umfassenden Beleuchtungsanlage, einem 27 Meter hohen Rundhoriaont, einer großzügigen akustischen Kulisse und einer eigenen "Regenvorrichtung" im Schnürboden zur Sicherung gegen Brände – versehen ist. Haupt- und Hinterbühne haben eine Tiefe von dreißig Metern, wozu noch eine große Vorbühne in Form eines über den Orchestergraben hinweggezogenen Podiums tritt, das bei großem Schauspiel das neuzeitliche "Raumtheater" ermöglicht. Der Zuschauerraum bietet einen festlichen Anblick. Eine Anzahl von Sperrsitzplätzen ist mir Kopfhörern für Schwerhörige ausgestattet. Die Be- und Entlüftungsanlage ist nach modernsten Gesichtspunkten konstruiert, und der ganze Raum zeichnet sich durch hervorragende Akustik aus. Größter Weit wurde auf vorzügliche Sicht gelegt. Sie ermöglicht jene umwälzende Preispolitik, die immer wieder gefordert wird, um das Theater dem Kino gegenüber konkurrenzfähig zu erhalten: In Freiburgs "Großem Haus" wird es 20C Plätze zu 1 DM, weitere 200 zu 1,50 DM und ebenso viele zu 3 DM geben. Bei Volksvorstellungen soll zu halben Preisen gespielt werden. Das könnte der Fehde "Kino gegen Theater" (bei der dieses seit der Währungsreform meist das, Nachsehen hätte) eine exemplarische Wendung geben, die aufmerksam verfolgt werden, sollte. Unter dem eigenen Dach, das ja noch die städtischen "Theater-Lichtspiele" beherbergen soll, wird der Ausgang des Ringens allerdings von höchstens soziologischem und künstlerischem Interesse sein, da beider Einnahmen in die gleiche Kasse fließen.

Der ehrwürdigen Theatergeschichte der Stadt Freiburg, die sich unter Berücksichtigung der mittelalterlichen Mysterienspiele bis zum Jahre 1150 nachweisen läßt, wird mit Ende dieses Jahres ein neues Kapitel angefügt, das In Westdeutschland seinesgleichen nicht hat.

Wolf gang A. Peters