Die Geheimnisse von Paris", so hieß einst ein dicker Schmöker von Eugen Sue. "Die Geheimnisse von Bonn", so müßte der Titel jenes Sammelbändchens lauten, in dem die politischen Kabinettstücke der ersten deutschen Bundesregierung zusammengetragen werden. Die Geheimniskrämerei feiert in der provisorischen Hauptstadt – nun einmalerstaunliche Triumphe. Den letzten Beitrag zu diesem imaginären Sammelband lieferte in der vergangenen Woche Justizminister Dr. Thomas Dehler. Er hat seine Untersuchung angeordnet, die sich auf "alle auf irregulärem Wege aus. den Ministerien gelangten Informationen erstreckt. Mit anderen Worten: eine – natürlich geheime – Nachforschung über das geheime Verschwinden geheimer Dokumente ist im Gange.

Zwar konnten bisher, wie Dr. Dehler erklärte, keine Beweise für die Behauptungen eines geheimbleiben wollenden Regierungsbeamten erbracht werden, daß seitens des Auslandes geheime Bestechungs- und Spionageversuche in Bundesministerien unternommen würden. Das allein aber dürfte den skeptischen und ungläubigen Justizminister nicht von seinem Vorhaben abbringen können. Schließlich hat er selbst, so sagte Dr. Dehler, "schlechte Erfahrungen" gemacht. Der Minister, bezog sich dabei auf einen Vorfall im Bundestag am 24. November, bei dem der SPD-Abegeordnete Dr. Arndt in der Debatte ein von Dr. Dehler ausgearbeitetes geheimes Gutachten zitierte. Das waren in der Tat "schlechte Erfahrungen". Denn Dr. Dehler sagte damals: "Hier werden fortgesetzt Dinge gestohlen." Und Dr. Arndt, zur Rede gestellt, antwortet jetzt ein wenig beschämt, er habe seine Informationen über den schleswig-holsteinischen Justizminister Dr. Katz direkt vom Bundeskanzler erhalten. Die Geheimpolitik des Bonner Kabinetts ist, offenbar so vollendet, daß "die Linke nicht was die Rechte tut".

"Wenn keine Indiskretionen begangen werden – wie sollen denn dann die Dinge herumkommen? spottete einmal ein kluger Dichter, Aber nicht nur deshalb scheinen die eingeleiteten Untersuchungen fehl am Platze. Es wäre offenbar nötig, daß die Geheimniskrämerei in Bonn überhaupt aufhört. In der Außenpolitik ist eine gewisse Diskretion zweifellos erwünscht. Für die Innenpolitik gilt das Gegenteil. Darum ist esnicht gut, wenn in den Ministerien, die geheimen Aktenstöße wachsen, während der Inhalt der offiziellen: Bulletins abnimmt. Und es genügt nicht, daß das Parlament am Rhein in einem "Glaspalast" sitzt. Auch die Regierungshandlungen sollten glasklar sein. C. J.