München, im Dezember

So weit wie "Alt-Heidelberg" in USA hat es Noel Cowards "Blithe Spirit" zwar noch nicht gebracht. Immerhin ist es in London allein zwei tausendmal hintereinander gespielt und mittlerweile in siebzehn Sprachen übersetzt worden. Für die deutsche Bearbeitung zeichnet unser pp. Fachmann für amüsante Feinkost, Curt Goetz; und unter dem Namen "Geisterkomödie" wurde sie jetzt zum erstenmal in Deutschland an den Münchner Kammerspielen im Schauspielhaus gespielt. Daß mit lumpigen achtmalhunderttausend Einwohnern es München auch auf zweitausend Aufführungen bringen werde, ist nicht zu erwarten. Aber einen Serienerfolg kann man getrost vorhersagen.

Dieser ergibt sich eigentlich schon aus der Wahl des Spielleiters. Denn Harry Buckwitz hat "Des Teufels General" inszeniert, der immer noch ,läuft‘, hat die "Dreigroschenoper" mit Hans Albers zum Dauererfolg geführt – warum sollte ihm das nicht auch mit "Geisterkomödie" glücken? Für ihn gilt, mutatis mutandis, der Satz von dem glücklichen Österreich, das heiratet, wo andere Krieg führen müssen: die andern sorgen für den Ruhm, er für die Kasse! Dadurch tritt er unwillkürlich für die Münchner Kritik etwas in den Schatten, da für geistige Menschen Erfolg-Suchen und auch noch -Haben beinah was Beschmutzendes hat.

Coward ist ein so gerissener Schauspieler, Stückeschreiber, Film Verfasser, Filmregisseur und wer weiß Was noch alles, daß man seine Stücke auf grob oder auf fein inszenieren, gut oder nur mittelschimpfig spielen kann; sie müssen doch immer reüssieren!

Was das Spielen betrifft, so waren in München allerdings zwei Darstellerinnen nicht leicht zu übertreffen: Fita Benkhoff in der Rolle einer gewerbsmäßigen Geisterbeschwörerin von der trockensten, dem Irdischen innig zugewandten, wenn freilich hinter-irdisch genau Bescheid wissenden Sorte – ein Unikum, das die wunderliche Begrenztheit und Mischung aller Begabungen ins Licht setzte, ohne das Menschliche an die Satire je ganz preiszugeben. Und neben dieser Leistung selbstvergessenen Humors ein Sieg der Anmut und Weibchenhaftigkeit in Maria Nicklischs Geister-Elvira, die da, von jener Madame Arcati in der Séance versehentlich beschworen, nach sieben Jahren ,Jenseits‘ zu ihrem Gatten Condomine zurückkehrt und seine zweite Ehe mit der hübschen Ruth um so ärger durcheinanderhext, als nur Condomine allein sie sehen und hören kann. Alle andern, auch das Medium, können es nicht.

Das ist ein reizender Einfall, und er wird entsprechend ausgehackt. Mit dem Gegenzug, nämlich dem Versuch des weiblichen Zauberlehrlings, den Geist wieder loszuwerden, der Condomine nach dem Leben trachtet und Ruth tatsächlich umbringt, will es natürlich zunächst gar nicht glücken. Und wie es endlich glückt, wirkt die Pointe (nur die Schussel von Dienstmädchen bringt’s zuwege!) etwas zurechtgezupft. Aber das Ganze, man kann es nicht leugnen, ist gut gemacht und sehr amüsant; daran konnten auch die weniger gut besetzten Nebenrollen nichts ändern.

Aber was ist nun eigentlich der Kern dieses Amüsements? Doch offenbar die tiefe Befriedigung des modernen Menschen, sich des Jenseitigen hier als einer phantastischen Wirklichkeit erfreuen zu dürfen, ohne geradezu daran glauben zu müssen. Hanns Braun