Von Herbert Fritsche

Die kleine verwachsene Hofdame Luise von Göchhausen, die die Erstfassung von Goethes Faust abschrieb und damit Erich Schmidt zu seinem berühmten Manuskriptfund verhalf, hat uns dennoch nicht den eigentlichen "Urfaust" vermittelt, denn den vermittelt uns allein das unsterbliche Puppenspiel, in welchem ein solider Teufel den unsoliden okkulten Abenteurer leibhaftig holt, während der Nachtwächter Hanswurst auf seinem Horn die späte Stunde tutet. Hätte Goethe nicht dieses Puppenspiel, von Fahrensleuten über ein wanderndes Bühnchen hinwegzelebriert, ins bereits sonnenhafte Frankfurter Knabenauge und in die mütterlicherseits ererbte Lust am Fabulieren eingefangen, so wären wir heute kaum im Besitz des Chorus mysticus. Uralte Erfahrung lehrt, daß Urbild und Optimalbild ein und dasselbe zu sein pflegen. Am Ausgang des Goethejahres nehmen wir deshalb das Puppenspiel vom Doktor Faust dankbar entgegen: doppelt dankbar, weil der geniale Braunschweiger Professor Harro Siegel es zum Range hoher, hintergründig-ironischer Kunst erhebt. Kleists berühmter Aufsatz "Über das Marionettentheater" und Storms "Pole Poppenspäler" blühen im Herzen dessen, der diese Aufführung erlebt, auf wie nie zuvor. Kleists Meisterprosa schließt mit den Worten, man müsse wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen: "das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt." Wir Heutigen, die wir diesem Kapitel näher sind als der Selbstmörder vom Ufer des Wannsees, erleben in dem Holzbildhauer, Spieler, Regisseur und Zauberer Harro Siegel einen bevollmächtigten Meister der Erkenntnis, der uns in den Stand der Unschuld zurückreißt. Es geht dabei zwielichtig zu: Gebannte, ins ewige Kinderland Heimgeholte sind wir, wenn seine merkwürdig monumental wirkenden Puppen uns den Mikro-Makro-Mythos vom Teufelsbündler vorspielen – und dennoch: wird zum Schluß des Stücks der aller Höllenpein verfallene Faust von purpurrot aufleuchtenden Riesenhänden hinabgerissen in den Abyssus, so lächelt uns der große Künstler, der dies alles schuf, die tröstliche Signatur zu, daß diese von ihm geschnitzten und durch meisterliches Fadenspiel bewegten Hände dem Herzen Gottes nur allzu ähnlich sehen. Nicht nur ein magisch-skurriler, sogar ein echt-sakraler Widerschein der Chorus-mysticus-Strophen ist hier "mit Händen greifbar".

Als ich Harro Siegel vor dreizehn Jahren zum ersten Male begegnete, war es im spukhaftesten Winkel Berlins, an der Friedrichsgracht, in einer Gesellschaft, deren lemurische Unwahrscheinlichkeit E. T. A. Hoffmann neidvoll erblassen gemacht hätte. Schon damals gespensterten seine Puppen durch den Raum, die zunächst nur spannenlange Holzgeschöpfe von wahrhaft unheimlicher, weil unbegreiflicher mimischer Wandlungsfähigkeit sind, auf der Bühne jedoch .groß wie agierende Menschen wirken. Ihr bedeutsames Gestikulieren ging dann unter im Gewitter der Weltkatastrophen – aber mit ihrem wissenden Lächeln überlebten sie dennoch nicht nur die Ära der überlebensgroßen Briefbeschwerer aus aufgeblasenem Gummi, die damals das Monopol für deutsche Plastik innehatten, sondern sogar deren allgewaltigen Auftraggeber. "Das Schwäche wird das Starke besiegen, dies ist die geheime Erleuchtung", sagt Lao-Tse. So gab es denn, nach dem Zurückrinnen der Sintflutgewässer, ein Wiedersehn: Fahrendes Volk, spielbesessene Jugend, eine Elite des Wagens und Könnens, zieht mit ihrem Meister von Stadt zu Stadt; nicht dem Mammon zuliebe – denn vollendetes Marionettenspiel erfordert einen ganzen Stab kooperierender Könner, ohne theaterübliches Entree verlangen zu dürfen. Die Puppen strotzen von Leben, Holz ist hier nicht mehr Holz, sondern weit mehr sogar als Fleisch und Bein, nämlich Surrealismus in des Wortes wörtlichster Bedeutung: Ein würdiger, vom Adel ketzerischen Erkenntnismutes geprägter Faust, ein akademischer Genügsamkeits-Spießer Wagner, vor allem aber ein der arroganten Wespe Mephisto untertanes Höllengeziefer von humoristisch-schauerlicher Blocksberg-Gemütlichkeit.

Man spürt, daß Goethe, der Knabe und der Greis, anwesend ist, auch Agrippa von Nettesheim mit seinem schwarzen Pudel namens Monsieur, Simon Magus und selbst die Hexe von Endor – aber zugleich glimmert und glost fernes Licht der Gralsburg über die Szene. Ewiger Urfaust, unsterbliches Puppenspiel, unausrottbare platonische Liebe zum Können, Runden und Schweifen –: welch verheißungsvolles Meistersiegel, das Meister Siegel auf die zerknitterte Oberfläche unserer Zeit drückt, unter der die alten, stets wieder jungen Werte am Leben sind wie eh und je!