Seit der Währungsreform hat die Textilindustrie in Deutschland eine lebhafte Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen. Wie stark sie auch bemüht ist, ihre Aufgabe im europäischen Neuaufbau zu erfüllen, zeigen die Handelsverträge, die erst in der letzten Zeit mit Nachbarstaaten abgeschlossen wurden und den Wegfall der Kontingentierungen erstreben. Sie bestätigen die im Wiederaufbau-Programm der ECA-Mission für Westdeutschland niedergelegten Richtlinien und zeigen die Bemühungen aller Fertigungsstufen, die deutsche Textilindustrie wieder in die europäische Gesamtwirtschaft einzubauen.

Auch Bemühungen der Textilwirtschaft in Deutschland schufen mit die Voraussetzungen, die bei der europäischen Marshall-Plan-Organisation (OEEC) in Paris geführten Verhandlungen für eine Liberalisierung der Wirtschaft nachdrücklich zu unterstützen. Was Administrator Hoff man über den wirtschaftlichen Zusammenschluß der europäischen Staaten gesagt hat, läßt einen entscheidenden Wandel in der europäischen Wirtschaftspolitik erwarten. Durch Niederreißen von nationalen Wirtschaftsgrenzen sollen auch der Textilindustrie die Möglichkeiten gegeben werden, in allen Stufen der Erzeugung einen gleichmäßigen Beschäftigungsgrad zu erreichen. Dieser allein stellt eine sichere Grundlage einer anhaltenden Gesundung und Prosperität dar. Ein einheitlicher europäischer Markt kann jedoch nur dann geschaffen werden, wenn Rohstoffversorgung und Beschäftigungsgrad in Deutschland annähernd denen des Auslandes entsprechen. Von dieser Voraussetzung ist die westdeutsche Spinnstoffwirtschaft jedoch noch weit entfernt. Wenn auch die Kapazitäten unserer Baumwollspinnereien zu 100 bis 120 v. H. ausgenützt sind, so sind die einstufigen Weber nur zu 65 bis 75 v. H. und die Wirkereien zu 40 bis 50 v. H. ausgenutzt.

Der bekannte Spinnerei-Engpaß, d. h. der Mangel an Garnen, hervorgerufen durch den Verlust von "Verkaufsspinner"-Betrieben im deutschen Osten und die noch nicht restlos beseitigten Ausfälle an Spindeln durch Kriegsschäden im Westen, haben trotz erfolgreicher Anstrengung gen einen Ausgleich bisher nicht finden lassen. Aus diesem Grunde ist die Liberalisierung der Wirtschaft, mit der Tendenz, durch Garn- und Fertigwaren-Importe den Engpaß zu überbrücken, nur begrüßenswert. Der aufgestaute Bedarf der seit Jahren unterversorgten deutschen Bevölkerung kann in den nächsten Jahren nur annähernd befriedigt werden.

Die Ordnung der Währung und der Abbau der Planwirtschaft gaben der Textilindustrie volle Entwicklungsmöglichkeiten. Daß die Wirtschaft jedoch noch nicht ganz den rechten Weg der freien Marktwirtschaft finden konnte, beruht auf der Warenverknappung und dem preissteigernden Verhalten von Außenseitern – Erscheinungen jeder Wirtschaft in Mangelzeiten. Der auf allen Gebieten der Textilindustrie seit der Währungsreform erfolgte Produktionsanstieg zeigt, daß seit Anfang 1949 auf manchem Gebiet bereits ein Überangebot von Textilwaren zu beobachten ist, für das eine entsprechende Kaufkraft fehlt. Daß auch die Einkaufsbereitschaft der Kundschaft gegenüber qualitätsmäßig nicht zu vertretenden Preisen zurückhaltender geworden ist, kann nur begrüßt wenden.

Den erfolgreichen Bemühungen des Bundeswirtschaftsministers Erhard hin zur freien Marktwirtschaft steht in der Textilindustrie die Tatsache gegenüber, daß sie vom Rohstoff her noch immer devisenmäßig planwirtschaftlich gebunden ist. Die englische Pfundabwertung brachte eine ernste Bewährungsprobe. Für die Disziplin der gesamten Spinnstoffwirtschaft innerhalb der freien Marktwirtschaft spricht ein gemeinsamer Aufruf der textilwirtschaftlichen Spitzen verbände an die Unternehmer der Industrie und des Handels, das Preisniveau trotz zwangsläufig verteuerter Rohstoffe im Interesse der Verbraucher unter allen Umständen stabil zu halten. Wenn auch die Preisbildung frei sei, so sollten die Folgen der Währungsabwertung und vor allem die Preiserhöhungen auf den Weltrohstoffmärkten (bei der US-Baumwolle 28 v. H.) nicht zu einer Preiserhöhung für die Endverbraucher führen. (Die Verteuerung der Rohstoffe erklärt sich daraus, daß unsere Importe zu 70 v. H. aus Ländern kommen, die nicht abgewertet haben.) Die Verteuerung der Rohstoffe bei der Industrie und dem Handel quotenmäßig aufzufangen, war der Entschluß der beteiligten Verbände. Damit wurde im Zusammenwirken aller Stufen der Textilwirtschaft eine Preispolitik gefunden, die der wirtschafts- und sozialpolitischen Verantwortung gerecht wird.

Ein weiteres ernstes Problem der Textilwirtschaft ist der Ost-West-Handel, d. h. die Lösung des Interzonen-Handelsproblems. Durch das Frankfurter Abkommen vom 8. Oktober wurde der Interzonenhandel 1949/50 auf eine legale Grundlage gestellt, nachdem monatelang nicht unerhebliche Mengen Textilwaren legal oder illegal nach Westdeutschland eingeströmt waren. Nach dem Abkommen wird ein Warenverkehr über Verrechnungskonten von 300 Mill. DM in beiden Richtungen als Basis angenommen, wobei aus dem Währungsgebiet der DM-Ost u. a. Damen- und Herren-Unterbekleidung, Strümpfe und Socken, Wirk- und Strickwaren, Gardinen und Teppiche kommen und Lieferungen von Rohstoffen und Halbfertigwaren aus dem Währungsgebiet West gegenüberstehen. Der Anteil der Westberliner Wirtschaft soll dabei ein Drittel der veranlagten Umsätze erreichen.

Die Liberalisierung der Wirtschaft bedeutet auch, daß unsere Export-Import-Bindungen gelöst werden. So sehr von Seiten der Fertigungsstufen der Industrie und des Handels die Einfuhr von Garnen, Geweben und Fertigwaren begrüßt wird, so kann die Liberalisierung der Wirtschaft jedoch nur soweit zu vertreten sein, wie sie zu einer Gesundung der deutschen Wirtschaft und somit der gesamten Wirtschaft beiträgt. Es darf nicht übersehen werden, daß unsere Textilproduktion noch nicht den Anschluß an das Ausland finden konnte. Unser Export beschränkt sich auf Länder ohne erhebliche eigene Textilindustrie, wo wir seit Jahrzehnten auf Grund von Erfakrung und bester Fertigung mit Spezialartikeln eingeführt sind; Die Textilproduktion unserer Nachbarstaaten hat überall den Stand der Vorkriegszeit überschritten: moderne Maschinenausstattungen und die Freizügigkeit in der Auswahl und in der Einfuhr der Rohstoffe haben beachtliche Qualitätssteigerungen zur Folge gehabt. Im Rahmen einer gesunden Marktwirtschaft ist eine Einfuhr zu begrüßen, soweit sie konkurrenzfördernd auf unsere Fertigung einwirkt. Die Forderungen die seitens der Arbeitsgemeinschaft Gesamttextil, der Spitzenvertretung der Textil-IndustriellenVerbände in den Westzonen, gegen die Liberalisierung der Wirtschaft erhoben werden, verdienen iedoch eine besondere Beachtung. Nach dem Verlust der ostdeutschen Textilmaschinen-Produktion sind die Schwierigkeiten für die westdeutsche Industrie zweifellos größer als in anderen Ländern. Um in eine europäische Wirtschafts-Union einzugehen. muß unsere Textilindustrie die gleichen Startbedingungen erhalten, auch in Bezug auf Zölle, Rohstoffversorgung und Steuerlasten.