Nun, zum Ausgang des Goethe-Jahres, ist der Film "Die Begegnung mit Werther" auch in Hamburg (Urania-Theater) zu sehen. Man hat den Ernst gerühmt und die hohe Absicht, die den Regisseur Karl-Heinz Stroux und die Nova-Filmgesellschaft bewegt haben, diesen Film zu schaffen. Man versprach sich viel und dies mit Recht. Aber allmählich stellte sich heraus, daß Stroux viel zu sehr in die Breite inszeniert hatte, wohl im Bestreben, das Werk des Dichters möglichst getreu zu spiegeln. Schließlich hätte man ein Unikum vor sich. Der Cutter konnte nicht helfen; soviel er auch herausschnitt aus dem Filmstreifen–: er konnte zwar die Aufführungsdauer kurzen, doch nicht das Spieltempo straffen. Was übrig blieb. dokumentiert einen kühnen, ja waghalsigen Versuch, der nicht gelang. Zwar ist Horst Caspar fast ein Ebenbild des Werther, wie er leibt und lebt, wie er liebt und leidet, wie er durch die Landschaft und zu Lotte stürmt und leidenschaftlich Verse stammelt. Es sind die Worte Goethes, aber dennoch ging der Film auf Kosten des Dichters. Schon die Lotte der Heidemarie Hatheyer war trotz ihres hellen Temperaments nur ein Schattenbild der Goetheschen Figur, Und obwohl die Bilder sehr getreu im Atmosphärischen die rührselig-romantische Zeit widerspiegeln, wird es offenbar, daß es nicht gelang – und wohl auch nicht gelingen konnte –, die geistige Substanz der Dichtung in die Bildsprache zu transponieren. Von dem ewiggültigen menschlichen Thema, das Goethe behandelte, ist kaum mehr ein Hauch übriggeblieben. So war es eine Begegnung mit Werther, die flüchtig blieb und – manchen Besucher fliehen machte. Erika Müller