Geist und Technik der Hinterglasmalerei

Mit phrasenloser Innigkeit stellte der Hinterglasbildermaler aus dem österreichisch-böhmischen Grenzland sein religiöses Erleben ‚ dar. Eine fast mittelalterliche Seelenhaltung menschlicher Schlichtheit verlieh der Volkskunst jener Zeit des späteren achtzehnten und früheren Neunzehnten Jahrhunderts den Zauber tiefer Andächtigkeit. Der äußerliche Kunstaufwand ist gering. Vor der angedeuteten Wand eines Bauwerkes liegt etwa in der Mitte des Bildes das Jesuskind in der Krippe; auf der einen Seite sitzt dem Beschauer zugewandt mit gekreuzten Händen die Muttergottes, auf der anderen kniet anbetend der Hl. Joseph, ein wenig zurückgerückt; durch die Neigung seines Hauptes und durch eine schräge Linie, die zur Jungfrau Maria hinführt und in dem Jesuskinde eine Parallele findet, ist er in die Szene eingebunden. Die strenge Flächigkeit, die sonst herrscht, ist damit in feiner Weise etwas gemildert. Wie die Komposition ist im übrigen der Bau der Figuren auf Flächigkeit und Liniengerüst angelegt. Diese Flächen sind mit wenigen, aber klaren und leuchtenden Farben ausgefüllt – in der Landschaft, aus der das Bild stammt, bildet gewöhnlich reines Gelb den Hintergrund, wozu Blau und Rot den Akkord ergänzen. Der technische Vorgang, wonach zunächst ein Riß unter die Glasplatte gelegt und "durchgemalt" wurde, entspricht durchaus dem künstlerischen Wesen. Es war dabei nicht selten, daß an einem Bilde mehrere Leute tätig waren, eben der "Zeichner", gewöhnlich zugleich der Meister, ferner der "Ausmaler", der Rahmenmacher, bei Verspiegelung und Glasschliff auch der Spiegelbeleger und Glasschleifen. Es ist um so bewunderungswürdiger, daß trotz dieser Arbeitsteilung, die Volkskunst und Hausindustrie auch sonst kannten, die künstlerische Einheit der Hinterglastafeln in jedem Falle gewahrt blieb. Die Produktion war dabei der Masse nach nicht unbeträchtlich. Wenn bei einem Meister fünf Leute in der genannten Art zusammenarbeiteten, so konnte eine Tagesleistung bis zu 200 Stück erreicht werden. Im bayrischen Bezirk Wolfstein mit dem Hauptmalorte Raymundsreuth fertigten in den Jahren um 1830 fünf Meister 30 000 bis 40 000 Tafeln im Jahre, die zum Teil im Inland, zum großen Teil aber in benachbarte Länder verkauft wurden. Am stärksten war die geschilderte Arbeitsteilung bei dem Unternehmen des Johann Verderber (1793 bis 1870) in Außergefild in Böhmen nahe der bayrischen Grenze ausgebildet, wo man gleichsam am laufenden Band arbeitete. In einer zeitgenössischen Schilderung heißt es von ihm: "Die Bildelfabrik des Herrn Verderber ist so eingerichtet, daß, wenn ein Besucher bei der Türe der Anstalt eintritt, wo die leeren Ausschußtafeln ausgepackt und die bemalten und gerahmten Bilder eingepackt werden, er zuerst zu den Rahmenmachern kommt, von denen er fortgehend von einem Künstler zum anderen das Wachsen und Gedeihen des Bildes verfolgen kann, bis er, ohne anzuhalten, wieder zugleich mit dem vollendeten Gemälde an der Türe ankommt." Die künstlerische Kraft ließ freilich bei den Verderberischen Erzeugnissen im Vergleich etwa zu den Raymundsreuther oder Sandeler Tafeln bereits nach.

Der Bayer- und Böhmerwald ist die eine Haupterzeugerlandschaft das volkstümliche Hinterglasbild gewesen. Hier scheint es im achtzehnten Jahrhundert in Verbindung mit dem böhmisch-schlesischen Raum (die Technik an sich ist alt und war bereits der Antike bekannt) entstanden zu sein. Neben diesen Landschaften und dem Schwarzwald war es dann besonders die Gegend um Murnau und Oberammergau in Oberbayern, die Hinterglasbilder in größerem Umfange herstellte. Sie konnte sich dabei wenigstens teilweise an die wirtschaftliche Organisation der Oberammergauer Hausindustrie anschließen, deren Verleger feste Absatzbeziehungen von Spanien bis tief nach Rußland unterhielten. Der künstlerische Ausgangspunkt der oberbayrischen Hinterglasmalerei war ein anderer als der im Bayer- und Böhmerwald. Kam die letztere vom Glashüttenbetrieb her, so nahm die erstere ihren Ursprung von der Augsburger bürgerlichen Malerei, gelangte aber ebenfalls zu sehr volkstümlichen Gestaltungen.

Die Hinterglasbilder sind Teil einer großen volkstümlichen Farb- und Malbewegung, die mit Ausgang des Mittelalters anhebt und sich außerdem noch in Votivbildern, in Möbelmalerei und anderem auslebt. Und dieses alles ist wieder ein Teil der umfassenden Erscheinung "Deutsche Volkskunst" J. M. Ritz