Einet Taget gab es für den treuen Kunden im Uhrengeschäft an der Ecke eine kleine Sensation. Das war, als ihm die liebenswürdige Helferin des Meisters die reparierte Uhr zurückgab ("Generalüberholung, 14 Mark bitte") und ihm zugleich mit gewinnendem Lächeln einen Garantieschein überreichte: Für ein halbes Jahr gültig. Das war nun wirklich und sichtbarlich der Anfang einer neuen Ära der Beziehungen zwischen Geschäft und Kundschaft, oder, genauer gesagt: das bedeutete die Rückkehr zum friedensmäßigen "Dienst am Kunden", zur "Kulanz" alter Art. Daß man jetzt, dank verbesserter Konditionen, Leistungen und Qualitäten, bei größeren Auswahlmöglichkeiten, nicht nur besser, sondern vor allem auch billiger bedient wird als noch vor Jahresfrist – das wird nur zu leicht übersehen, wird auch von keiner Statistik hinreichend "erfaßt". Unser N–r-Mitarbeiter behandelt im folgenden diesen wichtigen und längst nicht genügend gewürdigten Tatbestand speziell für das Gebiet der Textilwirtschaft.

Die Statistiker sind sich darüber einig, daß alle Preisvergleiche hinken, bei denen nicht völlig gleiche Warenqualitäten zugrunde liegen. Massengüter mit klassifizierten Gütegraden sind über Raum und Zeit hinweg wirkliche Vergleichsobjekte; sie sind untereinander austauschbar. Die europäischen Baumwollhändler und Baumwollspinner wissen heute wie vor zehn oder zwanzig Jahren, welche Eigenschaften, insbesondere welche Durchschnittsfaserlänge sie von einer als middling (Mittelsorte) bezeichneten Qualität amerikanischer Rohbaumwolle zu erwarten haben; das gilt für Bremen genau so wie für Liverpool, Le Havre oder Gent. Der Welthandel hat sich an solche Normen gewöhnt und ist ohne sie nicht mehr zu denken, Der Preisvergleich stößt hier auf keine Schwierigkeiten.

Ganz anders liegen die Dinge bei Fertigerzeugnissen, die ständigen Schwankungen unterworfen sind, sei es am Gründen der Rohstoffversorgung, oder durch modische Einflüsse oder auch durch Qualitätswechsel im Guten wie im Schlechten. Ein deutscher Anzug aus dem Jahre 1949 ist gewöhnlich etwas anderes als ein Anzug, der im letzten Vorkriegsjahr gefertigt wurde: ja, zwischen 1949 und 1947/48 zeigen sich schon merkliche Unterschiede. Anzug ist eben nicht gleich Anzug, Wäsche nicht gleich Wäsche, Teppich nicht gleich Teppich, weder von Land zu-Land noch von Betrieb zu Betrieb, noch im Wechsel der Jahre. Ein Preisvergleich, der nicht die Güte des Rohstoffes, die Art der Verarbeitung und die Größenmaße berücksichtigt, ist ein Versuch am untauglichen Objekt.

Die übliche Art der Warenverbilligung ist die Senkung der Preise. Sie fällt dem Verbraucher am meisten ins Auge. Die Textil- und Bekleidungswaren sind seit Jahresfrist von ihrem Gipfel herabgestiegen und haben sich allmählich auf erträglichem Stande eingerichtet. Knapperes Geld und steigendes Angebot wirkten hierbei zusammen. Daneben vollzieht sich eine indirekte Preisermäßigung durch Verbesserung der Qualitäten. Von vielen oberflächlichen Beobachtern unbemerkt, ist diese Tendenz zu spüren Sie ist wie die Verbilligung in Mark und Pfennig ein charakteristisches Merkmal des sich mehr und mehr herausbildenden "Käufermarktes", auf dem der Wettbewerb der Verkäufer um den Kunden wieder begonnen hat. Mit alten Ladenhütern kann man keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, es sei denn zu stark ermäßigten Preisen. Die Verbraucher reißen sich nicht mehr um jeden "Povel", der in alten Hortungslagern seine Tage gefristet hat. Die zwangsläufigen Abschreibungen auf solche Restbestände werden In vielen Fällen unangenehme Lehren über die Launen der Konjunktur erteilen. Das ist gleichfalls ein Schritt zur Gesundung. Der Verbraucher aber, der wählerischer geworden ist, beachte auch diesen Umschwung bei seinen Preisvergleichen: Ein Kleidungsstück, das aus Qualitätsgründen die doppelte Tragdauer des "gleichen" Gegenstandes einer früheren Zeit verbürgt, hat sich bei unveränderten Preisen um 50 v. H. verbilligt! Wir sollen nicht behaupten, daß ein solch tiefgreifender Wandel heute schon möglich’sei; das Beispiel dem nur zur Veranschaulichung; aber kein Betrieb der Textil- und Bekleidungsindustrie kann es sich fortan noch leisten, schludrige Ware auf den Markt zu bringen, ohne sich selbst den Grabsein zu setzen. Das sei allen denen ins Stammbuch geschrieben, die das letzte Vermächtnis des alten Tuchmachers an seinen Sohn, "ruhig mal etwas Wolle zu nehmen". noch nicht als praktische Lebensweisheit begriffen haben. Nur durch Entlastung des Geldbeutels der breitesten Volksschichten wird dem Abflauen der Marktlage Genüge getan, die ihre Diktate erteilt, ob sie betroffen sind oder nicht. Jede Verbesserung des Rohstoffs oder der Rohstoffmischung, jede peinlichere Beobachtung der Gütegrade von Garnen und Geweben, jede sorgfältigere Verarbeitung ist eine Warenverbilligung und zugleich ein Schutz der Unternehmen vor dem Wankelmut des Schicksals, das wieder Auslese hält.

Ein zweiter Gesichtspunkt drängt sich auf. Das Regiment der knappen Maße geht allmählich seinem Ende entgegen. Auch die viel zu wenig gefertigten Größen für "vollschlanke" Figuren werden wieder gefordert. In den letzten Jahren wurde unter dem Druck des Mangels an allen Ecken und Enden am Rohstoff gespart: an sich ein vernünftiges Beginnen. Eine Rückkehr zu überlieferten Herstellungsnormen liegt aber jetzt im Zuge der Zeit. Auch das ist eine indirekte Verbilligung, die nicht zu übersehen ist. Die Bekleidungshersteller, die diesen Wandlungen Rechnung trafen, sind jedenfalls gut beraten.

Und schließlich noch ein dritter Punkt: nämlich die Zahlungsbedingungen zwischen Industrie und Handel. Früher vollzog sich der Zahlungsverkehr nach üblichen "Einheitsbedingungen", die z. B. in der deutschen Textilindustrie bei einer Zahlungsfrist von zehn Tagen einen Eilskonto von 3 v. H., bei 30 bis 45 Tagen einen Kassaskonto von 2 v. H., bei 60 bis zu 75 Tagen netto Kasse vorsahen: Vor- und Verzugszinsen verstehen sich am Rande. Diese Bedingungen waren in den letzten Jahren nur noch eine Erinnerung. Solange der Abnehmer um Ware zu betteln gezwungen war, diktierte der Lieferant die Konditionen. Nach der Währungsreform kehrten sich die Dinge für einige Zeit um. Der Einzelhandel, der als erster die Barmittel der Verbraucher an sich zog, wurde zum willkommenen Bankier von Großhandel und Industrie. Solange die Preise stiegen und die Ware unter dem Kaufansturm zusammenschmolz, bestand für den Lieferanten kein Anlaß zur Einräumung irgendwelcher Skonten. Allmählich aber wird mit dem Marktumschwung diese Frage wieder aktuell. Der Handel hat am längeren Hebelarm Platz genommen. Sofern ihm nicht schon ein praller Geldbeutel vereinzelt gehörige Rabatte bei Barzahlung oder Vorkasse zu fordern erlaubt, pocht er. auf angemessene Zahlungsziele mit entsprechenden Skontea und sucht darin eine indirekte Preisherabsetzung, die dem Verbraucher wieder zugute kommen kann.

Ob und in welchem Umfange sich solche Wünsche schon erfüllen lassen, hängt von der allgemeinen Kreditlinie und von der Flüssigkeit der Textil- und Bekleidungsfabriken ab. Selbstverständlich ist jede mittelbare Preisermäßigung auch eine Frage der Kalkulation, die wieder mit der Betriebsausnutzung zusammenhängt. Im übrigen wird der Wettbewerb vermutlich keine andere Wahl lassen, als mit der Zeit zu früheren Zahlungsbedingungen zurückzukehren. Dabei ist es eine Frage zweiten Ranges, ob die Dekartellierungsvorschriften "Gruppenabkommen" zwischen Industrie und Handel. ausschließen oder nicht. Freien Vereinbarungen zwischen Lieferanten und Abnehmern über eine zeitgemäße Zahlungsart steht nichts im Wege. N–r.