Wien, im Dezember

Es gibt wohl kaum ein zweites Werk der Musikbühne, das derart viele und interessante Wandlungen erlebt hat wie die "Beggar’s Opera", mit der John Gay und der gute Pepusch (dieser Frölich mehr als geschickter Arrangeur denn als Komponist) 1728 Händel und der italienischen Oper erfolgreich Konkurrenz machten. Das offenbar lockende Odium der "Bearbeitung ist dieser Oper durch die Jahrhunderte treu geblieben. Wissenschaftler wie Dem haben sich an ihr versucht, Brecht und Weil! haben ihre sozialkritische Spitze so erschärft, daß ein ganz neues, selbständiges Werk entstand, und auch von Duke Ellington, dem Jazz-Apostel Amerikas, soll es eine gar nicht zu verachtende "Bettleroper" geben.

Nun, Benjamin Brittens 1948 in Cambridge herausgekommene Bearbeitung, die zunächst nur von der seiner Leitung unterstehenden British Opera Group aufgeführt wurde und jetzt in der Wiener Volksoper, der zweiten Bühne der Wiener Staatsoper, ihre deutschsprachige Erstaufführung erlebte, stellt sozusagen das geschichtliche Gleichgewicht wieder her. John Gays Text (übertragen von Hans Keller) ist beibehalten, lediglich ein Sprecher wird neu eingeführt, der sich nicht nur ans "hochverehrte Publikum", sondern auch an die "Herren von der Landstraße" und die "Ladies of the town" wendet, um sie während des Szenenumbaus bei geöffnetem Vorhang zu ermuntern. Britten seinerseits verdirbt weder die ans Herz greifenden Melodien, die in einem so reizvollen Gegensatz stehen zu dem rauhen Geschehen (das sich freilich selbst nicht ernst nimmt), noch läßt er sich Gelegenheiten zu wirkungsvollen Ensembles entgehen. Der vielleicht allzu reichhaltige Dialog mündet zwanglos in arienhafte Nummern, in Duette und so weiter, die oft vom Chor abgerundet werden. Mit ganz geringen Mitteln, im Stil zwar modern, aber die diatonische Melodik niemals unterjochend, wird mit Hilfe reicher Abwandlungen viel Farbe, vor allem feine reichhaltige Skala charakteristischer Gemütseffekte in Gang gebracht, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Das ist überhaupt das Bezeichnende dieser Bettleroper – offenbar auch der historischen –: die politische Satire, in der allerdings auch sehr viel kunstkritische gegen Händel gerichtete Persiflage; steckt, wird durch die Empfindsamkeit der Melodien gleichsam vermenschlicht; welcher Abstand zu Brecht-Weill’s "Dreigroschenoper" Die Wiener Aufführung Hatte sich den Burgtheater-Regisseur Adolf Rott geholt. Er entschied den Erfolg. Mit Hilfe von Schauspielern (Maria Eis: "Missis" Peachum. Fred Liewehr: Captain, Helmuth Krauss: Sprecher) konnte er den Dialog leichtfüßig entwickeln, ohne die Bereitschaft zur Musik außer acht zu lassen. Auch ihm bedeutete der Chor das wesentlichste Element, das Bindeglied zwischen Bühne, Orchester und – Publikum. Folgerichtig waren die nach Hogarth-Vorlagen glanzvoll ausstaffierten Herren und Damen der Bettlergesellschaft an der Rampe postiert, der Bühne zugewandt, wenn diese ihre Aufmerksamkeit erforderte, dann wieder dem Orchester, wenn die Musik alle verband und – versöhnte. Freilich gab es auch Sänger: Martha Rohs (Polly) allen voran. Musikalische Leitung: Meinhard Zallinger.

Man hatte viel Freude am lockeren Spiel und der gehaltvoll konzertierenden Musik, die bewies, daß man auch mit wenig Mitteln die Bühne "füllen" kann.

Hans Ratz