Über den Schriftstellerei-Betrieb

Wie oft wird doch Klage darüber geführt, daß nicht mehr Männer, "Köpfe" die Welt, die Nationen, die Länder regieren, sondern Exponenten der Masse, wie sie sich in verschiedene Parteien und Programme aufspaltet, als deren Sprachrohre sie fungieren. Daß dies neben manchem andern einen Schwund der "Genialität", obendrein der Verantwortlichkeit für das Ganze der Völkerschicksale zur Folge hat, ist selbstverständlich, und man spürt es zur Genüge. Die Politik also wild schon lange überwiegend nicht mehr von "Köpfen" gemacht, sondern von Zahlen.

Und die Kultur? Die Kunst? Die Literatur? Auch hier ist der Blick auf das Ganze verlorengegangen, und alles löst sich in Parteiungen auf. Auch hier aber ist an die Stelle des ideellen Ganzen die organisierte Masse getreten, die auf diesem Gebiete nur noch entwertender wirkt, wenn sie Einheit anstrebt: nämlich im Zweck verband. Es gibt hier zwar noch eine ganze Reihe wirklicher Persönlichkeiten; man erkennt sie an den "Köpfen" und an den Namen; Namen, die für sich selbst sprechen. Die Masse der übrigen erkennt man an den – Briefköpfen. Das sieht etwa so aus: "Corbinian Grantlhuber, Schutzverband Deutscher Autoren, Gewerkschaft für Kunst und Schrifttum FDGB. Lyrik, Jugenddichtung, Rezensionen". Zweifellos: das soll eine Empfehlung Sein, ein Ausweis, eine Legitimation. Nicht mehr durch den eigenen Kopf legitimiert sich der moderne Literat (oder Literaturfabrikant?), sondern durch den Briefkopf; und die Zahl, die Respekt heischend hinter der Firmierung steht, begründet seine Autorität. In dieser Zahl sind Tausende begriffen, und die Macht der Tausende rechtfertigt den Fabrikationsbetrieb des Einzelnen. Der Einzelne löst sich in der Tausendschaft auf, die an seiner Statt Hochachtung fordert.

"Lyrik, Jugenddichtung, Rezensionen..." Liest man nicht unwillkürlich dazu: "Verfertige zu annehmbaren Preisen ... bei größeren Aufträgen Rabatt..."? Um dieses Geschäft reibungsloser abzuwickeln, würden sich weitere Spezialisierungen empfehlen. Vielleicht bei der Lyrik: "Mondscheinstimmungen" oder "Landschaftsbilder (oberbayrisch, niederdeutsch, skandinavisch, subtropisch), autobiographisch, aktivistisch"; bei Jugenddichtung: "unpolitisch, politisch, pro- oder antifaschistisch-marxistisch, unterhaltend, aufklärend"; bei Rezensionen: "objektiv oder westlich bzw. östlich orientiert." Natürlich wäre zu wünschen, daß alle diese möglichen Sparten wiederum in Verbänden organisiert würden. Wegen des Respekts, der Autorität und der Wahrnehmung berechtigter Interessen. Oho