Der nachstehende Beitrag ist (mit einigen Kürzungen) einer wichtigen Neuerscheinung entnommen, nämlich dem jetzt im Ferdinand-Holzmann-Verlag, Hamburg, erscheinenden "Taschenbuch für den Einzelhandel", herausgegeben – in Verbindung mit der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels – von Dipl.-Kfm. Leihner, Hamburg (Preis 3,30 DM).

Mit unserer heutigen Vorstellung vom Markt ist der Handel unlösbar verbunden. Er ist so vielgestaltig und verzweigt, daß er sich vorstellungsmäßig nur schwer erfassen läßt. Er tritt uns auf den bunten Kram- und Wochenmärkten ebenso entgegen, wie in den Abertausenden von Einzelhandelsgeschäften in aller Welt, auf den modernen internationalen Messen ebenso wie in den Börsen, überall dort, wo sich Angebot und Nachfrage begegnen. Seine Aufgabe ist gewachsen mit der immer größer gewordenen sozial wirtschaftlichen und technischen "Entfernung" zwischen Erzeugung und Verbrauch, mit der immer weiter fortschreitenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung

An die Stelle der unmittelbaren Beziehung des Verbrauchers zum Hersteller ist heute die zum Einzelhandelskaufmann getreten, der in seinem Laden tausend notwendige und nützliche Dinge aus aller Herren Ländern bereit hält.

Zentrale Aufgabe des Einzelhandels ist es, die Verbindung zwischen dem Angebot an Fertigwaren und dem der menschlichen Bedürfnisbefriedigung unmittelbar dienenden Konsum herzustellen. Er überbrückt die zeitliche und manliche Entfernung zwischen Produktion und Konsumtion durch eine Vorausleistung ohne Auflag und durch seine Vorratshaltung. Diese Leitung ist nicht so anschaulich wie die der Industrie oder des Handwerks, aber sie ist nicht weniger Produktiv und bedeutsam.

Als größte Gruppe innerhalb des Gesamt-Models steht der Einzelhandel gewissermaßen in der Peripherie des Angebotes, unmittelbar gegenüber einer viele Rätsel in sich bergenden Kollektiven Nachfrage aus freier Verwendung des Einkommens. Dabei ist er in seiner Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit mehr eigentlich der Exponent der labilen Verbraucherwünsche und Bedürfnisse, als der nach konstanter Planung auf weite Sicht strebenden Produktion. Gerade darin liegt eine seiner Hauptaufgaben, daß er den Ausgleich zwischen dem Auf und Ab einer ehr beweglichen und mancherlei psychologischen Einflüssen unterliegenden Nachfrage und einer Produktion bewerkstelligt, die relativ starr, jedenfalls nicht so elastisch ist wieder. Verbrauch, Er ist Träger der mit diesem Ausgleich, verbuneinen Risiken und Kosten. Mir dieser Aufgabe sieht sich der Einzelhandel produktion als auch des Staates gegenüber. Ihre Vertreter begreifen das wechselvolle, dynamische Marktgeschehen aus ihrer ganz anders, gearteten, konservativeren, statischen Funktion heraus meist nur als mechanischen Vorgang, Sie sehen die Tätigkeit des Handels vorzugsweise von der technisch-handwerklichen Seite her. Daher dann auch die Auffassung von der "Unproduktivität" des Handels. Sie ist Ausdruck eines mechanistischen Denkens, das gewohnt ist, die Dinge von ihrer Oberfläche her zu sehen, ohne in ihr inneres Gefüge einzudringen.

Selbstverständlich hat die Aufgabe des Einzelhandels auch eine "technisch-handwerkliche" Seite, Zu ihr gehört die Organisation der Warenbeschaffung, die Lagerhaltung, die Pflege der Ware und ihre Einteilung und Verpackung in verbrauchsübliche und gängige Mengen, die Kundenkreditgewährung, die fachkundige Beratung, überhaupt fast alles, was am Einzelhandelsbetrieb äußerlich wahrnehmbar ist. Aber die Beobachtung der Verbrauchsgewohnheiten einerseits und der Märkte andererseits, die Erkundung günstiger Einkaufsmöglichkeiten, die Beeinflussung der Produktion auf Grund der Verbrauchererfahrungen, der Ausgleich zwischen einer starren Produktion und den saison- oder konjunkturbedingten Bedarfsschwankungen wie umgekehrt zwischen jahreszeitlichen Produktionsschwankungen und der Stetigkeit bestimmter Bedürfnisse – die Pufferfunktion des Einzelhandels –, alle diese Aufgaben erfordern doch vielmehr eine geistig-organisatorische als technisch-mechanische Leistung. Die erstere durchdringt auch die letztere: Lagerhaltung, Kreditgewährung, Kundenberatung beispielsweise kann man nicht mechanisieren; sie stehen stets unter dem Einfluß der wägenden Prüfung der Marktsituation; sie sind dem kaufmännischen Risiko unterworfen. Das Ergebnis dieses "Wagens und Wagens" hängt stark davon ab. ob es immer wieder gelingt, die vielen ungleichen und sich zum Teil widerstrebenden Faktoren des Marktes so zu koordinieren, daß der Zweck, die Befriedigung der Nachfrage, erfüllt wird.

Diese Leistung ist einer wirtschaftsgeistigen Haltung eigen, die sich von der auf die Erzielung der "Nahrung" gerichteten mittelalterlich-zünftlerischen weit entfernt hat. Sie ist auch anders geartet, als die aus einer mehr konservativen Haltung kommende Leistung der sozial abhängigen Mittelschichten. Die unbürokratische, wagende, dem Verbraucher wie dem Unternehmen gegenüber verantwortliche Entschlußfreiheit des Unternehmers in der Markt- und Verkehrswirtschaft ist das eigentliche Merkmal des modernen Einzelhandelskaufmanns. Sie kennzeichnet seine berufliche Sphäre und drückt ihm ihren Stempel auf.