R. K. N., Zürich, Mitte Dezember

Mit der Verfügung, daß fortan nur noch soviel Nylonstrümpfe importiert werden dürften als Nylongarne eingeführt werden, hat das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement dem Konzern Dupont seine Kriegserklärung übersieht, deren merkwürdige und die internationalen Handelsverhältnisse unserer Zeit erhellende Vorgeschichte diese ist: Seit der Nylonstrumpf (Über dessen Zweckmäßigkeit als Kleidungsstück die Mediziner anderer Meinung sind als die Trägerinnen) die Mode erobert hat und also für die Frauenwelt ein "essentiell" geworden ist, ist die schweizerische Strumpfindustrie in eine Krise geraten. Denn Nylon muß es sein, erklären heute die Urenkelinnen Winkelrieds. Und Nylongarne werden in die Schweiz kaum geliefert, nur Nylonstrümpfe. In Bern behauptet man, dies sei die Bosheit des Trusts; Du Pont erwidert, dies sei die Bosheit des Anti-Trustgesetzes, das ihm verbietet, Garne ins Ausland zu liefern, solange der amerikanische Bedarf ungedeckt ist. Und zu decken ist er nicht, denn Nylon muß es sein, erklären auch die Urenkelinnen der Pilgrimväter...

Washington sperrt also die Ausfuhr von Nylongarnen, und Bern bindet die Einfuhr von Nylonstrümpfen an die von Nylongarnen. Damit kënnte die Angelegenheit erledigt sein, wenn sicht ein Schwarzer Markt für Nylongarne da wire, der sich der Schweiz schon langehöflichst In Empfehlung brachte. Der schweizerische Importeur "weißer" Nylonstrümpfe wird also, um sie einführen zu können, das gleiche Quantum "schwarzer" Nylongarne mitbeziehen müssen, ihre Preise mit denen der Strümpfe mischen und die Garne an die schweizerischen Strumpffabriken abgeben, die ihrerseits ob der Segnungen solchen "freien Handelsverkehrs" ihre Preise erhöhen werden. leidtragende dürfte "die Stauffacherin" sein.

Kein lebenswichtiger, aber ein lehrreicher Fall. Lehrreich nämlich für eine gewisse, in der Schweis sehr verbreitete Auffassung von Liberalismus, die in Konjunkturen die Staatseingriffe völlig ausschalten, in den ersten Schwierigkeiten aber nach ihnen rufen will. Lehrreich auch für die staatliche de facto-Anerkennung Schwarzer Märkte, denn wenn er für Nylon nicht bestünde, liefe die Verfügung Berns auf eine Importsperre für Nylonstrümpfe hinaus, die nicht beabsichtige ist. Und lehrreich schließlich für die internationalen Auswirkungen des amerikanischen Anti-Trustgesetzes, das die Macht der Kartelle beschränken will und ihnen doch, wie dieser Fall beweist, die Möglichkeit gibt, unter Berufung auf dieses Gesetz das Exportventil nach ihren Wünschen zu regulieren.

Man darf daher der Entwicklung dieses Nylonkrieges mit dem Interesse entgegensehen, das dieses Handelskuriosum verdient. Wird Bern oder Du Pont nachgeben, wird das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement oder das amerikanische Anti-Trustgesetz stärker sein, kommt es zu einem Kompromiß oder zu einem Strumpfkrieg bis zur letzten Nylonfaser? Ganz wohl ist den schweizerischen Wirtschaftskreisen bei ihrem merkwürdigen Freiheitskampf nicht zumute.