Es war im Jahre 1799, als Novalis eine Schrift "Die Christenheit oder Europa" verfaßte. Ausgehend von der religiösen, seelischen und geistigen Einheit des christlichen Mittelalters, die alle abendländischen Völker in sich einbegriff, schilderte Novalis die "Mangelhaftigkeit und Bedürftigkeit der bisherigen Staatseinrichtungen", nämlich derjenigen seiner Zeit, die "in furchtbaren Phänomenen offenbar werden". Und er schrieb: "Es wird solange Blut in Europa fließen, bis die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden, der sie im Kreise herumtreibt... Haben die Nationen alles vom Menschen – nur nicht sein Herz, sein heiliges Organ?" Und doch hofft Novalis auf eine "große Versöhnungszeit Eine Vereinigung ist für ihn nur denkbar von der geistigen Bewegung her, die Deutschland ergriffen hatte: "Noch sind es nur Andeutungen, unzusammenhängend und roh, aber sie verraten dem historischen Auge eine universale Individualität, eine neue Menschheit!"

So weit Novalis, ein Geist, der uns auch heute hoffen machen kann. Skeptisch stimmt nur das Schicksal, das dieser Schrift zuteil wurde: sie geriet in die Hände Ludwig Tiecks, des Berliner Literaturdiktators der Spätromantik, und dieser empfahl dem Verfasser, seinem Freunde, von der Drucklegung abzusehen. Ja, er selbst verzögerte ihr Erscheinen darüber hinaus als Nachlaßverwalter des 1801 Verstorbenen bis zum Jahre 1826. Und als die Öffentlichkeit sie kennenlernen, sollte, 27 Jahre nach ihrer Abfassung, wurde sie durch die Zensur verboten. Denn nun war sie ja in eine Zeit politischer Reaktion geraten. Bis in unseren Tagen einer der zuverlässigsten Deuter der Romantischen Bewegung, Richard Benz, geradezu vom "Verlust des romantischen Weltprogramms" spricht: "Andere Kräfte, als die später sich einfanden, hätten, diesen Ruf vernehmend, unserem geistigen Wollen eine andere Richtung geben können!"

H. Guthmann