Zu Joseph Stalins 70. Geburtstag

Von Helmut Alsdier

Dostojewski, in seinen letzten Lebensjahren, schrieb noch an den "Brüdern Karamasow", Tolstoi veröffentlichte seine "Beichte"; eine neue Epoche der russischen Literatur kündigte sich an. Alexander II. wußte nichts mehr von dem Enthusiasmus seiner Jugendjahre, der ihn 1861 die Leibeigenschaft hatte aufheben lassen. Nichts von dem: jubelnden Fortschrittsglauben des europäischen Liberalismus, der fünf, sechs Jahrzehnte später so bitter enttäuscht werden sollte, war im Zarenreich zu bemerken, das in eine Periode unheimlicher Spannungen eingetreten war: Auf dem Rücken einer passiven Masse spielte sich erbittert der Kampf zwischen einer schmalen autokratischen Oberschicht und kleinen Gruppen von Revolutionären ab. Die Kampfmittel waren Kerker und Bomben. Einer Bombe fiel schließlich 1881 Alexander II. zum Opfer. Eine Epoche finsterer Reaktion, die mit dem Beginn der russischen Industrialisierung einherging, schloß sich daran. Das war die Atmosphäre, in der am 21. Dezember 1879 Josef Wissarionowitsch Djugaschwili der georgischen Kleinstadt Gori bei Tiflis geboren wurde.

Enkel von Leibeigenen

Sein Vater Wissarion, dessen Eltern noch Leibeigene gewesen waren, hatte das Heimatdorf verlassen, um in der Stadt als Schuster zu arbeiten. Doch sein Verdienst reichte nicht hin, auch nur den bescheidensten Lebensunterhalt zu decken. Die Mutter, die bei der Geburt Josefs, den sie "Soso" nannte, erst zwanzig Jahre alt war, hatte vorher schon drei Kinder zur Welt gebracht, die alle gestorben waren. Um so mehr hing sie an Soso und um so fleißiger arbeitete sie für ihn. In den Stalin-Biographien spielt daher Ekatherina Djugaschwili eine bedeutende Rolle, im Gegensatz zu ihrem Gatten, der kaum erwähnt wird. Er soll nach manchen Zeugnissen dem Alkohol zugesprochen und den kleinen Soso oft hart geprügelt haben.

Der Mutter, die eine fromme Frau war, gelang es, Soso zunächst in die Klosterschule von Gori und später mit Hilfe eines Stipendiums an das Theologische Seminar nach Tiflis zu bringen. Ob den Behauptungen eifriger sowjetischer Biographen Glauben zu schenken ist, daß sich Soso mit zwölf Jahren in Darwin und mit vierzehn in Marx vertieft habe, ist mehr als zweifelhaft. Sicher aber haben die Schul- und Seminarjahre an seiner Entwicklung starken Anteil gehabt. In beiden Schulen war die Unterrichtssprache Russisch, die georgische Muttersprache der Schüler dagegen wurde vernachlässigt, die georgische Geschichte unterdrückt. Bis vor die Klostertore reichten die krassen sozialen Differenzen des Zarenreichs und, durch die Vermittlung der Schüler, bis in die Klassenzimmer. Man weiß von nationalistischen Revolten und von Schülerstreiks, denen harte Strafen folgten. Und schon von Gori nach Tiflis sei der fünfzehnjährige Soso in einer Stimmung gegangen, "die einigermaßen rebellisch war und in der sich der Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten mit einem halbromantischen georgischen Patriotismus mischte", stellt einer der modernsten Stalin-Biographen, I. Deutscher, fest.