Diese Haltung hat sich, nach dem Zeugnis von Schulkameraden, im Seminar gefestigt and allmählich einen marxistischen Akzent erhalten. Der junge Djugaschwili, als Stipendiat, mußte freilich vorsichtig sein. Hatte er schon als kleiner Junge gelernt, sich zu verstellen, um dem Stock des Vaters zu entgehen, so mußte er diese Kunst jetzt erst recht üben. Trotzdem wurde er 1899 aus dem Seminar ausgeschlossen! weil er sicheiner bestimmten Prüfang nicht habe unterziehen wollen, sagen die Aufzeichnungen der Schule? eil er marxistische Thesen propagiert habe, sagt er selbst. Beides mag richtig sein; denn es ist wahrscheinlich, daß Soso in den Diskussionen der Seminaristen von Tiflis eine führende Rolle spielte, und ebenso, daß er schon 1899 in die erste sozialistische Gruppe dieser Stadt, die sich Messame Dassy nannte, eingetreten ist. Man weiß nicht, ob Stalin — er nahm diesen Namen als letztes einer Reihe von Pseudonymen erst 1913 an — überhaupt je die Absicht hatte sich nach dem Wunsch seiner Mutter dem Priesterberuf zu widmen. Doch mag der Ausschluß aus dem Seminar ~ selneÜetzte Hemmung be — — seitigt haben. Nun wurde er Revolutionär. Die Grundlage war vorhanden "Ich wurde Sozialist, erzählt er später selbst, auf Grund meiner sozialen Position (mein Vater war Arbeiter ia iner Schuhfabrik uadmeine Mutter war ebeafalis Arbeiterin), aber auch auf Grund der groi>eo Unduldsamkeit und jesuitischen Disziplin, dee ich im Seminar so unbarmherzig unterworfen worden war Die Atmosphäre, in der ich lebte, war erfüllt mis Haß gegen die zaristische Unterdrückung Es traf sich, daß genau eur selben Zeit einige Sozialisten auf einer geheimen Konferenz ia Minsk die Sozialdemokratische Arbeiterpartei" grüadeten. Die Auseinandersetzung um Taktik und Ziel war unter den Sozialisten schoa in vollem Gange, Lenin, zehn Jahre älter als Stalin, foe sich schon mit seiner Schrift Wer ad die Freund des Volkes ? Ä eine eminente Position unter den Marxisten verschafft. Stalin schloß, sich dem linken Flügel der neue Partei an. Er bewarb sich um einen kleine Posten im Tifliser Observatoriarn, und dies wahrscheinlich nur, um in seinem Zimmer Versammlungen abhalten und Demonstrationen vor bereiten zu können. Schön nach Ä paar Mo= aaten hatte er alle, Mühe, einer Verhaftung z entgehen. Er tauchte unter. Und in der Illegalität gab er bald eine sozialistische Zeitschrift heraus, m der sidi der Einfluß Lenins deutlich zeigte. Ein Biograph sagt, schon damals habe er angefangen, das Idiom Lenins zu sprechen und zu schreiben, "ohne daß jedoch seine Aufsätze in dieser Zeit originelle Gedanken entwickelt Die Leninsche Denkweise scheint ihn von Anfang an fasziniert zu haben. Wie Marx und Engels bei Hegel und Lenin wieder bei Marx, so glaubten zahllose Intellektuelle Rußlands in den ersten Jahren des Jahrhunderts bei Lenin den Steio der Weisen gefunden zu haben. Für sie hatte die Geschichte keine Geheimnisse mehr: Die Feudalherren als herrschende Klasse mußten durch die Kapitalisten, die Kapitalisten durdj das Proletariat abgelöst werden. Dieser Klassen kämpf war — so glaubten sie fest — der eigentliche Vorgang der Gesdiidite, auf den sich alles übrige, was die Historienbücher füllt, ohne Ausfflanme reduzieren ließe. Wenn dem aber so war, dann mußte der Staat — der nur das Mittel war, durch das die jeweils herrschende Klasse die anderen Klassen unterdrückte — mit der Beseitigung des Kapitalismus überflüssig werden, weä schließlich ja nur eine einzige Klasse nodi bestehen werde, nämlich das Proletariat; denn fflatüriidi könne eine einzige Klasse keinen Klassenkampf mehr machen, der seiner Natur ©ad zumindest zwei Klassen voraussetzt. Dann §fe wäre die Herrschaft des Profetariftts di® klassenlose Gesellschaft, nd da sämtliche politischen und ökononiisdiea Auseinandersetzungen ihre Grundlage im Klasseakampf hätten, müßtea damit auch aü diese Auseinandersetzungen- wegfallen. In diesen Thesen also gipfelt das Glaubensbekenntnis der ersten rassischen Marxisten. Wer diesen Schlüssel zur Geschichte besaß — so lautete unentwegt ihre Oberzeugung — der konnte nicht nur die Vergangenheit erklären, sondern er konate die Zukunft voraussagen, was Lenin, stets mit einer sehr eindrucksvollen Logik, auch fortwährend getan hat. Der Schlüssel zur Geschichte war gleichzeitig aber auch der Schlüssel zur Macht. Nadi alledem konnte das Ergebnis der Geschichte nicht fraglich, nur noch ihr Tempo mochte problematisch sein. Das Tempo aber war EU guter Letzt eine Funktion des Fleißes der Agitatoren und des Mutes der Revolutionäre. Und Fleiß nd Mut besaß Stalin in hohem Maße, Die Polizei machte seinem Treiben jedoch bald ~em"Encte "1901 "wurde er zm erstenmal im "Untergrund" aufgespürt nd verhaftet, in mehrere Gefängnisse gebradit und schließlich im administrativen Verfahren zu drei Jahren Sibirien verurteilt. So befand er sich in Haft, als in London 1903 der Kongreß der Russischen Sozialdemokratie stattfand, dem der Bolschewismus seinen Namen verdankt. Dort wurde nämlich zwischen den reformistischen und den revolutionären Sozialisten, welch letztere von Lenia geführt wurden, tagelang um das Parteistatut gerungen, wobei sich die Reformisten, die stark in der Mehrheit waren, schließlich durchsetzten. Als es jedoch zur Wahl der Parteiführung kam, waren von den Delegierten bereits so viele abgefahren, daß plötzlich die Lenin Gruppe mit einer Mehrheit von zwei Stimmen obsiegte. Lenin besetzte sowohl das Parteibüro wie di Redaktion der im Ausland erscheinenden Zeitung "Iskra", durch die er die Partei, die in Rußland illegal war, dirigierte. Die unterlegenen Reformisten erkannten dieses Abstimmungsergebnis nicht an. Daher gab es von nun aa zwei Gruppen nämlich die Bolschewik! —- zu deutsch: "Mehtheitler", die freilich nur in diesem einzigen Augenblick in der Mehrheit gewesen waren, und die Menschewiki — die "Minderheitler", die noch auf Jahre hinaus unter der russischen Arbeiterschaft stets beträchtlich in der Mehrheit bleiben sollten. Immerhin hat dieser Abstimmungssieg, der die Tön Lenin geführten revolutionären Marxisten konsolidierte, die LeninGruppe schließlich befähigt, sich in der Revolution von 1917 völlig durchzusetzen. Sechzehn Jahre, von 1901 bis zur Revolution, lebte Stalin entweder in der Illegalität oder in Haft, Sobald er frei war, organisierte und agitierte er von neuem. Er wurde wiederum verhaftet, verbannt, er entkam, tauchte wieder auf, zettelte Streiks an, schrieb Artikel für Zeitungen , die schon nach der ersten Nummer verboten wurden, tauchte wieder unter, fand sich in Sibirien wieder. Und er blieb doch immer noch ein fast unbekannter Provinzfunktionär, der mit dea strahlenden Sternen der Revolution, mit Lenin und später auch mit Trotzki, von niemandem in einem Atem genannt wurde. Immerhin gelang es ihm, durch beharrliches Interpretieren der Leninschen Theorien und durch einige Briefe die Aufmerksamkeit Lenins zu erregen. Alledem verdankte er es, daß Lenin ihn, obwohl der Parteikongreß in Prag (1912) seine Wahl abgelehnt hatte, schließlich ohne Wahl ins Zentralkomitee kooptieren ließ.

In diese Zeit fallen alle die großen Ereignisse der rassischen Geschichte, die das Schicksal des Zarismus schließlich besiegeln sollten: der russisdtjapanische Krieg, die Revolution von 190405, t der Stalin allerdings keine besondere Rolle spielte, die Periode der Konterrevolution unter Stolypin (1907 bis 1912), der Ausbrudi des Weltkrieges Übrigens mag die unmenschlich harte Hand, mit der Stolypin die Marxistea unterdrückte, zu der Verbissenheit der marxistischen Revolutionäre und auch zu ihrer späteres! Unbarmherzigkeit viel beigetragen haben, die sie an dea Tag legten, als sie selbst die Mache erobert hatten. Die Zahl der Todesurteile, die unter Stolypin in sechs Jahren gefällt wurden, wird mit 4449 angegeben. Sie hat die Opposition. 2 einer wahren Raserei gebracht. Trotzdem bedeutet diese Zahl vergleichsweise nur einea Tropfen, gegenüber dem Meer von Blut, das iiach der bolschewistischen Revolution in Rußland, und nicht nur in Rußland, geflossen ist. In diese Zeit fallen auch die "Expropriationen 5, die aater den Tausenden von Terrorakten eine besondere Rolle spielten und im Grunde nichts anderes als Raubüberfälle zugunsten der bolschewistischen Parteikasse waren. Die berühmteste "Expropriation" war die von Tiflis im Jahre 1907, ia dea ersten Tagen des Stolypiaschen Regimes "Die Parteikasse zeigte eine gähnende Leere", schreibt ein Stalin Biograph, "die Herstellung von falschen Rubelnoten war mißlungen, der Plan, junge Kommunisten mit reichen Witwen zu verheiraten, hatte keine besonderen Ergebnisse gezeitigt, Daher schritt man zum radikalen Mittel des Raubüberf alles: Am 23. Juni, kurz nach 10 Uhr, fuhren vor dem Tifliser Postgebäude zwei Wagen vor, die voa Kosaken zu Pferde begleitet w urden. Dem ersten entstiegen der Kassierer der Staatsbank, Kurdjumow, und der Buchhalter Golownia. In diesem Augenblick lief eine Frau, die sich vor der Pose aufgehalten hatte, in ein benachbartes CsSi un d verständigte eine Gruppe von Marinem, di dort saßen Augenblicklich 4>egaben sich die Männer auf ihre Posten, einer davon auf das Dach des Paiais voa Fürst Sumbatow. Ais sich der Geldtransport vor dem Postamt in Bewegung setzte; kam aus einer Nebenstraße eiae Droschke hervor, in der ein russischer Offizier saß, und folgte dem Transport. Wenige Sekunden später flog vom Dach ds Palais Sumbatow eine Bombe mitten in den Zug Andere Bomben folgten, Revolverschüsse ertönttn. Der Kassierer nd der Buchhalter wurden von dem Wagen geschleudert Menschen und Pferde wälzten sich in ihrem Blut. Nur die Pferde des Wagens, in dem der Geldsack Sag, waren unverletzt geblieben und rasten davon, bis ihnen am Eriwanskaja PIara ein Mann eine Bombe zwischen die Beine warf, die Tiere und Wagen zerschmetterte. In diesem Augenblick kam die Droschke herangejagt, der Offeier sprang heraas, riß, indem et nach allen Seiten feuerte, den Geldsack an sidi and fuhr davon. Die Beute bestand aus"341 000 Rubeln ia 500 Rubel Sdicinen. Von den Tätern wurde keiner gefaßt. Ein Stalin Biograph behauptet der Mann auf dem Dach sei Stalin gewesen. Doch ist das nicht erwiesen. Stalin selbst hat der Version später nicht widersprochen, doch gfes Trotzki ia seiner Stalin Biographie einleuchtende Gründe dafür, daß Stalin an dem Oberfall niete unmittelbar mitgewirkt haben kann. Immerhin wird, seine Hand im Spiel gewesen sein, deaa er war damals eine Art Verbindungsmann zwischen der illegalen Parteileitung im Kaukasus und dea militanten Kampfgruppen. Bei der Verwertung der Scheine wurde bald darauf Lkwinow, dec spätere Außenminister, in Paris ertappt und festgenommen.