Von Ernst Friedlaender

In den Weihnachtstagen darf man die Muße finden, um einmal Bilanz zu machen. Und wenn wir uns drei Jahre zurückversetzen, in jenen Winter bösen Angedenkens, in dem – mitten im "Frieden" – nicht wenige Menschen erfroren und verhungerten, so könnten wir wohl meinen, wir hätten es inzwischen herrlich weit gebracht. Selbst wenn wir an die Zeit unmittelbar vor der Währungsreform denken – erst seit anderthalb Jahren haben wir die D-Mark –, so erscheint uns der wirtschaftliche Aufschwung fast wunderbar. Ja, es gibt eine ganze Reihe statistischen Kurven, die seitdem steil nach oben zeigen, und wir haben einigen Grund zur Freude. Freilich, es ist eine Konjunktur "auf Pump", keine selbsterarbeitete und selbstverdiente, und das wäre ein hinreichender Anlaß, mit der Selbstzufriedenheit etwas sparsamer umzugehen und die Dankbarkeit ein wenig großzügiger zu handhaben. Es wäre auch Grund genug, um die Unsicherheit nicht zu vergessen, die unserem vergleichsweisen Wohlstand innewohnt. Wir sind noch lange nicht "über den Berg".

Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein und auch nicht für sein Brot allein. Es gibt eine andere Welt als die der materiellen Werte. Aber leider gibt es keinen Statistiker, der in der Lage wäre, eine Kurve der Menschlichkeit zu zeichnen, eine Kurve, die nicht anzeigt, ob es uns besser oder schlechter geht in den letzten Jahren, sondem ob wir besser oder schlechter geworden sind, Wenn wir eine solche Statistik zu sehen bekämen, so hätten wir erst recht keinen Anlaß zur Selbstzufriedenheit. Aber auch wenn sich die Kurve nicht exakt berechnen läßt, spüren wir es nicht, daß wir menschlich abgesunken und nicht angestiegen sind, seit jenem Hungerwinter1946? Als es uns allen schlecht ging, waren wir besser. Seit es vielen von uns besser geht, ist mit der eigenen Not, die nicht mehr vorhanden ist, auch die Not vieler anderer, an der sich nichts auch wenig änderte, in Vergessenheit geraten. Und diese Unempfindlichkeit hat übergegriffen von den äußeren auf die inneren Nöte. Emsig ist sie dabei, sich wiederaufzubauen, jene enge und stumpfe "Bürgerlichkeit", die nichts anderes kennt und liebt als die eigene Sicherheit, eine "Sicherheit", die es in unserer wirklichen Welt gar nicht mehr geben kann. Jedes Zurück zur Vergangenheit ist Illusion und also auch jeder "Wieder"-Aufbau. In den Städten wie in den Herzen hat nur der Neubau einen Sinn. Wir sollten keinen Platz haben für die Selbstsucht der Sicherheit.

Leider ist die Jagd nach dem Glück der Illusionen in vollem Gange, und der Mitmensch rückt dabei in immer größere Entfernung. Wir sind einander nicht mehr so nahe wie noch vor drei Jahren, wir leben und erleben nicht mehr mit der Innerlichkeit und Innigkeit von damals. Es geht wirtschaftlich aufwärts und menschlich abwärts. Das ist unsere Weihnachtsbilanz. Und wie bei allen Bilanzen ist auch hier die Wahrheit wichtiger als die Schönheit. Denn nur mit der Einsicht in die Wahrheit läßt sich die Richtung ändern. Man darf sich nicht mit ein paar Weihnachtsgeschenken loskaufen wollen von der notwendigen Besinnung. Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi, der uns vor allem anderen geboten hat, Gott und den Nächsten zu lieben. Dies Liebesgebot weist uns die Richtung. Und es ist mehr wert als alle Statistiken der Erde.