Von Paul Hühnerfeld

Gerade vor dem mit grünem Moos verkleideten Tunnel hält der D-Zug mit einem Ruck an; das Signal zeigt rotes Licht. Der D-Zug besteht aus einer eleganten Lokomotive mit blitzenden Schutzblechen, einem grünen Postwagen, zwei langgestreckten blauen Personen- und einem roten Speisewagen. Auf dem Wagen steht: Deutsche Reichsbahn. Und darunter ganz klein: Märklin. – Dann leuchtet Grün auf, und was sich jetzt stampfend wie ein richtiger Zug in Bewegung setzt und im langen, dunklen Moostunnel verschwindet, ist mehr als irgendein Spielzeug. Es ist der Wunschtraum für viele Knaben im Alter von sechs bis sechzig Jahren. Aber weiß man, warum es die Eisenbahn ist, die als Spielzeug den Vorzug vor den kleinen Rädern, Motorrädern, Pferdefuhrwerken und vor den unzähligen Variationen der Spielautos genießt? Denn gerade zu diesem Weihnachtsfest haben die Spielzeugfabrikanten Automodelle herausgebracht, die das Herz jedes Jungen höher schlagen lassen sollte: ferngelenkte und solche, die beim geringsten Widerstand automatisch eine andere Richtung nehmen, Wagen, die selbständig in ihre Garage finden, wie ein Pferd in seinen Stall, Autos, die auf einer überbauten Rennbahn von einem Stockwerk in das andere fallen, sich überschlagen, sich wieder auf alle vier Räder stellen und weiterrasen. Was mich selbst betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mir das Schaufenster mit der elektrischen Bahn vierzehn Tage lang regelmäßig ansah und erst in den letzten Tagen bemerkte, daß sich hinter der Scheibe überhaupt noch etwas anderes befand als eben jene Eisenbahn. Und vielleicht liegt das ganze Geheimnis der Spielzeugbahn darin, daß sie den Zauber der Ferne ausstrahlt, den die „richtige“ Eisenbahn – vielleicht als einzige technische Errungenschaft unseres Zeitalters – noch behalten hat. Möglich, daß es beim Spielzeug klar zutage tritt, wieviel fortschrittlicher das Auto ist, aber auch wieviel kälter...

Doch vielleicht ist es noch mehr die Freude an der Verantwortung und am Organisieren, die die Spielzeugeisenbahn so beliebt macht. Allerdings sieht es bisweilen bei Kindern gar nicht so aus, als ob sie beim Spielen „aufbauen“ wollten. So gab es zwischen meiner kleinen Schwester und mir nach jeder Weihnachtsbescherung einen verbissenen Wettkampf. In ihm ging es darum, möglichst schnell herauszukriegen, was im Bauch der Puppe oder im wohlweislich zugelöteten Maschinenhäuschen eines Spielzeugkrans zu finden war. Und nachher lag dann alles zerstört durcheinander: die Holzwolle aus dem Puppenleib und die Stahlfedern aus dem Kran. Und über soviel Unheil freuten wir uns noch, vor allem, wenn die Demontage mit viel Lärm verbunden war. Wohl den Eltern, deren Kinder die Freude am Krach noch mit eigenen Spielsachen befriedigen und nicht dabei den halben Hausrat zerschlagen. – „An einem schönen Nachmittag“ – das erzählt Goethe aus seiner Kindheit – „trieb ich mit Schüsseln und Töpfen mein Wesen, und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein Gefäß auf die Straße und freute mich, daß es so lustig zerbrach. Die Nachbarn, welche sahen, wie ich mich daran ergötzte, riefen ‚Noch mehr‘. Ich warf sogleich noch einen Topf und auf immerfortwährendes Rufen ‚Noch mehr‘ nach und nach sämtliche Schüsselchen, Tiegelchen, Pfännchen gegen das Pflaster. Schließlich war mein Vorrat aufgezehrt, aber sie riefen immer ‚Noch mehr“. Ich eilte daher stracks in die Küche und holte die irdenen Teller, welche nun freilich im Zerbrechen ein noch lustigeres Schauspiel gaben... und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, so stürzte ich alles, was ich vom Geschirr erschleppen konnte, ins gleiche Verderben...“

Gut möglich, daß der Spielzeugfabrikant, der für dieses Weihnachtsfest ein neues „Zielballspiel“ erfand, an diese Geschichte gedacht hat. Das Spiel sieht nämlich so aus: Nach dünnen Zelluloidscheiben, die in Felder aufgeteilt sind, wird mit einem bunten Ball geworfen, der eins der abgezeichneten Felder treffen muß. Eine ganz einfache Zielvorrichtung also, die aber jeder anderen voraus hat, daß das getroffene Feld der Zelluloidscheibe mit einem Lärm zerfällt, der dem des Zersplitterns einer Fensterscheibe nicht nachsteht. Die zerstörten Zelluloidscheiben werden durch neue ersetzt; wer am schnellsten und am meisten entzweigeworfen hat, hat gewonnen.

Was den „mütterlichen Instinkt“ der kleinen Mädchen anbetrifft, der sie angeblich dazu verleitet, mit Puppen zu spielen, so kann man mit solcher Behauptung nicht vorsichtig genug sein. Ich habe zugesehen, wenn meine kleine Schwester mit Puppen spielte. Sie hatte eine große flachsblonde, die Maja hieß. Maja bekam morgens und abends Prügel, und eines Tages legte meine Schwester sie auf den Gartenweg, nahm ihren Tretroller und fuhr sie an. Darauf setzte es erneut Hiebe für Maja, weil sie nicht aufpasse und sich niemals umsehe, ehe sie über die Straße ging. Aber vielleicht hat der mütterliche Instinkt auch solche Modifikationen. – Puppen jedenfalls standen auch in jenem Fenster mit der elektrischen Eisenbahn. Kleine und große, schwarze und braune, solche, denen man es an der Nasenspitze ansah, daß sie quietschen würden, wenn man auf ihren Bauch drückte, und solche, die mit blauen Augen kullerten, wenn man sie hinlegte. Und eine war dabei, die aussah wie Maja. Als ich sie bemerkte, war ich froh, daß meine Schwester nicht da war, denn sie hätte die Puppe bestimmt sofort auf Schienen gelegt. Dann aber wäre die elektrische Eisenbahn entgleist...