Von Ruth Hildebrand

Die Frauen sind im letzten Jahrhundert einen dornenvollen Weg gegangen, und es lohnt sich für sie, darüber nachzudenken. So viele leiden heute unter der Einsamkeit; man wirft ihnen das Wort „Frauenüberschuß“ zu. Aber kann es damit abgetan sein? – Der Frauenüberschuß ist, wie man weiß, kein neuartiges Problem; Frauenüberschuß gab es zu den verschiedensten Zeiten, besonders gegen Ausgang des Mittelalters, aber auch im neunzehnten Jahrhundert; es gab Frauenüberschuß nach dem ersten Weltkrieg. Aber heute, nach dem zweiten Weltkrieg, zeigt es sich besonders hart, daß es mehr Frauen als Männer gibt. Denn der Frauenüberschuß trifft heute mit den Wirkungen zusammen, die der große Umschichtungsprozeß des neunzehnten Jahrhunderts auch auf die Frauen ausgeübt hat.

Dieser Umschichtungsprozeß entzog den Frauen die alten Lebensgrundlagen: Der große Rahmen des Hauses begann immer stärker zu schrumpfen. Bis dahin waren der Frau viele Aufgaben als Helferin des Mannes, als Erzieherin, als kulturschöpferische Persönlichkeit gestellt. Und jene Frauen, die nicht oder nicht mehr durch die Ehe gebunden waren, hatten als gute Tanten im Haus der Verwandten ihren schützenden Arbeitsbereich gefunden. Dies weiträumige und geborgene Hauswesen also wurde im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts zerstört, und es kam auch für die Frauen die Notwendigkeit, beruflich tätig zu sein. Eben weil sich seit dieser Zeit wesentliche Funktionen des Hauses in die Öffentlichkeit verlagerten – ein erheblicher Teil der hauswirtschaftlichen Produktion und des kulturellen Schaffens wurde von der maschinellen Massenherstellung übernommen, der Arbeitsplatz des Mannes verschob sich mehr und mehr in die Öffentlichkeit und durch den starken Ausbau von Schulen und Erziehungsstätten auch die Erziehung der Kinder –, deshalb also mußte auch die Frau den Schritt in ein neues Leben wagen. Was damals geschah, war zweifellos die größte Revolution, welche die Frauen erlebt haben.

Aber die neue Freiheit bezahlten die Frauen mit dem „Verlust der Mitte“, dem tragischen Schicksal des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt. Die Frauen gaben die große Geborgenheit und Sicherheit auf, um in eine neue, fremde, eine männliche Welt ihren Einzug zu halten. Aus dem Bereich der vielfältigen organischen Ordnung, einem Dasein des begrenzten Kreises, in dem allein die menschlichen Beziehungen entscheidend waren, traten sie in die sehr andersartige Welt der Sachlichkeit, der Spezialisierung und der Rationalisierung, in die Welt eines immer brutaler werdenden Daseinskampfes. Es war ein „Weg ohne Wahl“, es war kein Triumphzug. Die Frauen haben seitdem versucht – und das gewiß nicht ohne Tapferkeit, Klugheit und Geschick –, sich in diesem neuartigen Leben zurechtzufinden, zu behaupten und trotzdem ihre Eigenart zu bewahren.

Es gab zwei Möglichkeiten, sich in dieser neuen Welt durchzusetzen. Auf dem einen Weg erstrebten die Frauen die gleichen Möglichkeiten in Beruf und Lohn wie der Mann und gerieten dabei immer stärker in die Gefahr, sich der von vornherein stärkeren, weil seit Jahrtausenden festgebildeten männlichen Welt anzugleichen, wie das beispielsweise in extremer Formulierung Männer wie der Sozialist Bebel und der Philosoph Weininger gefordert haben. Der andere Weg, der mehr organische, war: die Frau mit der nur ihr eigenen fraulichen Begabung in die neue Berufswelt hineinzustellen, in der der im Hause immer kleiner gewordene Wirkungskreis nun im großen „Haus des Volkes“ von den sogenannten Berufstätigen aufgebaut und gewahrt werden sollte. Aus dieser Erkenntnis wurde von den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung ein umfassendes Ausbildungswesen geschaffen. Das Schulsystem, bis dahin nur auf die „Höhere Tochter“ zugeschnitten, wurde grundlegend umgebildet. Berufe, bisher ausschließlich den Männern vorbehalten, wurden den Frauen eröffnet, neue für sie geschaffen. Der nächste Schritt war ganz folgerichtig der Eintritt in die Politik.

Aber die Frauen mußten erleben, daß das, was sie geschaffen hatten, in einer fast unbegreiflichen Weise seines eigentlichen Sinnes verlustig ging. Das weibliche Ausbildungswesen mit den entsprechenden Berufen kam allmählich unter die Kontrolle eines männlichen Beamtenapparates und erfuhr dadurch eine wesentliche Änderung seiner Struktur. Das Schulsystem hat trotz gelegentlicher Einzelerfolge bis heute niemals eine echte Eigenständigkeit erlangt, und der allgemeine weibliche Einfluß auf den Staat wurde auch von der politischen Seite her nicht so nachhaltig, daß eine wirkliche weibliche Formung möglich war, weder in den besonderen Fragen des Eherechts, der Erziehung, der Berufe, noch gar in dem Sinne einer allgemeinen politischen Beeinflussung. So sind im Grunde beide Emanzipationswege tragisch erfolglos geblieben, sowohl der Weg der unbedingten Gleichheit als auch jener der organischen Ergänzung. Jedem der Versuche fehlte im Grunde das innere Gleichgewicht.

Wir sind heute auf dem schwierigen Wege, die verlorengegangene Mitte zu suchen. Die Hausfrau, soweit sie Format hat, empfindet die Gefahr des Entleertseins ihres häuslichen Wirkungsbereichs und sucht ihn entweder mit einem neuen inneren Gehalt zu erfüllen, oder sie übernimmt, teils freiwillig, teils aus finanzieller Notwendigkeit, in kirchlichen oder gemeinnützigen Verbänden, im Beruf oder in der Politik öffentliche Aufgaben. Von derselben Spannung ist das weibliche Erziehungs- und Ausbildungssystem erfüllt, das heute mehr als je auf eine tüchtige, dem Mann gleichwertige Berufsausbildung ausgerichtet sein sollte und trotzdem die spezifisch hausfraulichen Aufgaben nicht vernachlässigen darf. Aber es ist eine Spannung. Und die Spannung bleibt. Sie erfüllt das junge Mädchen, das – wenn es sein Leben zu formen beginnt – klar und nachdrücklich beide Möglichkeiten ins Auge fassen muß. Sie erfüllt aber ebenso auch die unverheiratete berufstätige Frau, die in einem harten immerwährenden Daseinskampf und in einer spezialisierten Welt wieder und wieder die alte schützende organische Lebensform suchen wird. Aber die Gefahren sind groß. Sehen wir nicht, wie das berufliche Nebeneinanderarbeiten der Frauen und Männer allzuoft die Institution der Ehe gefährdet und zu einer Bindung der unverheirateten Frau an den verheirateten Mann führt und dies nicht nur um der erotischen Erfüllung willen, sondern einfach im Kampf um die verlorene Geborgenheit? Und wie tragisch ist erst das Schicksal der vielen immer älter und verbrauchter werdenden Frauen, die weder in der Geborgenheit eines Hauses noch in einem Beruf mehr heimisch sind! Ohne Zweifel steht die Frau heute mitten in ernsten Gegenwartsfragen und Auseinandersetzungen. Sie wird dieselben Wege einschlagen müssen wie seit der Zeit, da sie zum erstenmal bewußt in die Öffentlichkeit hinaustrat, den Weg des Zusammenschlusses in einer Frauengemeinschaft ebenso wie den der Wirksamkeit im Staat. Sie wird ihn vielleicht nicht mehr mit derselben optimistischen Zukunftsgläubigkeit von einst gehen, dafür aber offener für seine Problematik.