Von August Scholtis

In den Wäldern am Oderfluß in Schlesien, unweit des Schlosses Lubowitz, darin Josef von Eichendorff geboren ward, lebte vor Zeiten ein armer, frommer Waldarbeiter dieser feudalen Herrschaft. Er hieß Josef Schmulke, sein Vater hatte auch Josef Schmolke geheißen und dieser Waldherrschaft treu gedient, wie auch dessen Vater, so nicht minder die Väter der Frau unseres Josef Schmulke, Agathe, geborene Pilek, die ihrem Mann sieben Kinder gebar, welche man schlecht und recht mit Salzkartoffeln und dicker Milch ernährte und notdürftig kleidete. Im Sommer mochte es noch angehen, alsdann liefen die Kinder barfuß umher mit ansonsten wenigen Lumpenfetzen am Leibe. Im Winter dagegen wurde es arg, denn das Schuhwerk fehlte und die Kinder drängten sich daher im engen Stäbchen, wie bedauernswerte Vögelchen im Nest, indes draußen der böse Ostwind heulte. Der kleine Lohn und das schmale Deputat Josef Schmulkes waren kaum der Rede wert, sie reichten weder hin und her und standen in gar keinem Verhältnis zur schweren Arbeit im Walde, wo Josef Schmulke Bäume fällte, Wurzeln rodete, Schonungen pflanzte, zur winterlichen Zeit dagegen mit einem Knüppel bewaffnet Hasen, Reh und Hirsch den hohen Herrschaften vor die Flinte trieb, die alles fröhlich zusammenschössen, um sich danach im Schlosse zu vergnügen, wobei die Reichtümer verausgabt wurden, so daß nur noch weniger übrig blieb für Lohn und Deputat des Josef Schmulke. Josef Schmulke ertrug dieses schwere Leben mit starker Gottergebenheit, welche ihn allsonntäglich in die Kirche des Dorfes bestimmte. Josef Schmulke diente seiner Herrschaft treu, niemals kam es ihm in den unschuldigen Sinn, etwa ein Stück Wild im Walde zu entwenden, wie es die unzähligen Wilderer des Umkreises mit ihren Schlingen und mit ihren Flinten taten. Josef Schmulke wußte sehr wohl um dieses sündhafte Treiben der Wilderer, das ihn jedoch wenig kümmerte. Er verantwortete allein seine Seele vor Gott, deren angeborenes Christentum und Sittlichkeit ihn genau erkennen ließen, was in dieser Ordnung gestattet war und was nicht. Er beichtete, was zu beichten war, und da er nichts aus dieser gottgewollten Ordnung zu entwenden trachtete, was ihm fehlte, war es auch herzlich wenig, was er zu beichten hatte.

An einem Heiligabend war er auch vor Tagesanbruch in den Wald gegangen, und mittags befahl der Förster Feierabend bis nach dem Weihnachtsfest. Josef Schmulke hoffte im stillen auf das übliche Weihnachtsgeschenk wie alle übrigen Jahre, jedoch der Förster verkündete ihm und den anderen Knechten, daß sich für die Herrschaft die Zeiten zu sehr verschlechtert hätten, um ein Weihnachtsgeschenk zu gestatten. Auf dem Heimwege murrten einige der Knechte verstohlen, sie waren der Ansicht, daß die Herren des Schlosses durch ihre Jagden und Festlichkeiten alles verpraßten, was den Knechten Weihnachten nach alter Überlieferung gehörte. Josef Schmulke kehrte traurig in sein armseliges Stäbchen heim, wo seine Kinder frierend aufeinander hockten und Josef Schmulke ihnen die Geschichte vom Goldenen Kalb nicht erst zu erzählen brauchte, welches diejenigen am Abend sehen durften, die an diesem Tag freiwillig fasteten. Das war der Augenblick, welcher Josef Schmulke auf den Gedanken brachte, noch einmal in den Wald zu ziehen, tief in den dichtesten Busch hinein, wo er sich unangemessen zu schaffen machte, das erstemal in seinem Leben den Hasen eine Schlinge stellte, in der Absicht, den Fang zur späten Stunde abzuholen, jedenfalls dann, wenn der Förster zur Christmette ins Dorfkirchlein gezogen sein würde. Josef Schmulke wollte seiner Familie eine verdiente Freude bereiten und seinem Weibe vortäuschen, dieses Stück Wild habe die Herrschaft ihm, dem armen Josef Schmulke, heuer als Weihnachtsgeschenk zugedacht.

So wanderte Josef Schmulke durch den Wald, dessen Abgründe und Schluchten in seiner Seele ankerten, während sein geübtes Auge alle Schlingen aller Wilddiebe entdeckte, wie auch sein Ohr jedes Geräusch entlarvte und jeden Schuß registrierte, um genau zu wissen, aus welcher Flinte sie kamen. Josef Schmulke nun legte seine eigene Schlinge, kniete dabei hin, bat Gott und den Hasen um Verzeihung und wanderte alsdann heimwärts, indes es dunkelte und aus den unsichtbaren Walddörfern die Glocken erklangen, das Weihnachtsfest einläutend: Auf diesem Heimweg begegneten ihm viele, die er kannte und um deren dunkle Geschäfte er wußte, um all sein Wissen im christlichen Herzen zu verwahren. Denn niemals wäre Josef Schmulke auf den Gedanken gekommen, etwa seine Mitmenschen beim Förster anzuzeigen. Zu guter Letzt traf er auf diesem Weg auch noch den Förster, der mißtrauisch redete und Josef Schmulke befragte, was sich im Busch täte, um ihn recht seltsam und prüfend anzuschauen. Doch Josef Schmulke erwiderte: „Na da weiß ich nichts, Panje Förster“. Josef Schmulke wünschte dem Förster abermals ein fröhliches Weihnachtsfest. Er wußte nicht, was er getan hätte, wenn der Förster ihn soeben mit einem Stück Wild ertappt hätte. Vielleicht wäre er tief in die Hölle versunken, und so trollte er sich schleunigst heim, wo sein Weib dabei war, den Kindern eine süße Pfeffersuppe aufzutischen als einziges Glück ihres Weihnachtsfestes. Die Kinder schleckerten im holden Glück, sie wurden gebettet, während die Mutter ihnen die Legende von der Geburt des Heilandes erzählte. Auf die Frage der Kinder, warum, sie dieses Schauspiel nicht auch im Kirchlein erleben dürften, traten den Eltern Tränen in die Augen und Vater Schmulke erklärte den Kindern, daß sie ja keine Schuhe hätten, daß man jedoch vor das Jesulein nicht barfüßig treten dürfte, da es gegen die Ordnung sei. Die Kinder schliefen ein, indes die Frau ihr gutes Tuch aus der Truhe zog, Josef Schmulke dagegen die gute Joppe anlegte und beide sich alsdann auf den Weg zur Kirche machten. Die Glocken läuteten feierlich, die Sterne kreisten an Himmel, als Josef Schmulke seinem Weib erklärte, es möge getrost allein weiter wandern, er käme bald nach und hätte nur im Forsthaus noch etwas zu bestellen. Und sie trennten sich mit einem frommen Gruß.

Josef Schmulke wanderte in den Wald hinein. In seinem schweren Kopf brütete er die Tat, die nach seiner Haltung eine Sünde war wider Gott und auch wider die Hasen, nicht minder aber wider den Förster und wider die Herrschaft Lubowitz, die ihn seit unausdenkbaren Zeiter gnädig beschäftigte und der es, zu seinem Leidwesen, heuer so schlecht ging, daß sie keine Weihnachtsgeschenke zu leisten vermochte.

Unweit des Forsthauses wartete Josef Schmulke ab, bis der Förster und dessen Familie das Haus verließen. Dann erfaßte ihn die notwendige Sicherheit für sein Vorhaben und er drang weiter in den Busch hinein, zu. jener Stelle, wo er die Schlinge für einen Hasen ausgeworfen. Von fernher aus dem Dorf schlug die Turmuhr die zwölfte Stunde, den Augenblick, da Christus geboren ward, und die Mette begann, um alle menschlichen Kreaturen um das Licht des Altars zu versammeln. Josef Schmulke weinte, daß er derart auf Abwegen wandern mußte. Denn die Sehnsucht, Christi Geburt aus der Unschuld seines Herzens wie alljährlich im heimatlichen Kirchlein zu erleben, faßte ihn heftig an. Josef Schmulke war nahe daran, auf der Stelle aus dem Busch zu flüchten, dem erstrahlenden Kirchlein entgegen, um alles böse Unterfangen aufzugeben und die schönen Lieder der Kindheit anzustimmen.

In diesem Moment seiner Zweifel drang ein magisches Licht aus dem Busch, genau aus der Stelle, wo er seine Schlinge gelegt, ein freundliches Licht, als sei genau an dieser Stelle das Krippelein gebettet, darin unser Heiland das Licht der Welt erblickt. Josef Schmulke war plötzlich von einer unsagbar bezwingenden Macht zur Erde gedrückt, aus dieser Erde schienen tausend Stimmen von Engeln ihn zu verlocken. Er kauerte im Waldmoos und starrte das Lichtwunder an, welches aus der Schlinge wuchs, die er beim Anbruch der Dämmerung hier ausgeworfen. Und Josef Schmulke mußte sehen, wie sich aus dieser Schlinge ein gefangener Hase von seinen Fesseln löste, wie die Schlinge von seinen Pfoten und seinem Kopf abfiel. Der arme Hase war von dem Glanz des Lichtes, das aus der Walderde wuchs, umflossen und verklärt. Als Josef Schmulke ein wenig um sich schaute, gewahrte er, daß von diesem göttlichen Glanz angeleuchtet alle Tiere des Waldes im Kreis dastanden, eine feierliche Versammlung von Hirsch und Reh, von Bock und Fuchs, von Wildschwein und Iltis, ja, es schien gar, als sähe Josef Schmulke des Försters Kuh, Ziege und Schaf dabei, und wenn er sich nicht täuschte, auch andere Haustiere aus dem Dorf, Katzen und Hunde. Und am Boden kuschelten sich Igel und Maulwurf, während in den Zweigen der Bäume die Vögel hingen. Alle starrten sie andächtig in das Licht, das den Hasen umfloß. Der Hirsch hob sein rechtes Vorderbein, indes er auf den Hinterbeinen hockte, er stimmte einen fröhlichen Ton an und bald sangen die Tiere das Lied von der „Stillen Nacht“, von der „fröhlichen, gnadenbringenden Weihnachtszeit“. Als die Lieder verklungen waren und Josef Schmulke glaubte, in die ewige Seligkeit hineingeraten zu sein, stand plötzlich seine Hauskatze vor ihm. Sie strich ihm mit dem Pfötlein um die Wange und sprach: „Sefflik, trete näher unter uns.“ Josef Schmulke erhob sich vom Boden, es war ihm als müßte er es tun. Er trat in den Kreis der Tiere, die ihn im Chorus begrüßten mit den Worten „Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“ Der Hase lachte vergnügt aus seinem Licht, er winkte Josef Schmulke freundlich mit der Vorderpfote und sprach: „Christ Josef Schmulke, ich bin jederzeit bereit, mich für deine armen Kinder zu opfern.“ Da Josef Schmulke diese menschlichen Worte des Hasen hörte, begann er laut zu weinen. Er warf sich auf die Knie und bat die Tiere für seinen Fehltritt um Verzeihung. Jedoch der Hirsch beruhigte ihn mit tiefer Stimme: „Josef Schmulke“, sprach er, „du hast von der ewigen Natur eine große Gnade empfangen, denn du bist reinen Herzens und auf Erden nicht zum Ärgernis bestimmt.“ Dann sangen die Tiere „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“. Das Lied verklang, indes von fernher die Turmuhr die erste Morgenstunde schlug.