Von unserem Pariser Korrespondenten Jean-Charlot Saleck

Paris, im Dezember

Parkteich feiert vom 15. bis zum 22. Dezember die „Woche der Güte“, la semaine de bonté! Während dieser sieben Tage soll ein jeder friedfertig sein und an seinem Nächsten ein gutes Werk tun. Der schöne Brauch findet bei den einzelnen, physisch-konkreten Personen einen so großen Anklang, daß auch die abstrakt-moralischen Personen – unter welchen Begriff Aktiengesellschaften, Verwaltungen, politische Parteien und die Behörden fallen – sich während dieser sanften Woche der äußersten Zuvorkommenheit befleißigen. Selbst das sonst so rücksichtslose Finanzministerium hat noch nie die semaine de bonté durch ein unerwartetes Steuerdekret profaniert, zu schweigen von der Straßenpolizei, die den Verkehrssündern an diesen sieben Tagen nie die üblichen auf der Stelle zu zahlenden Strafprotokolle, sondern liebevolle Ermahnungen gibt. Mutwillige oder schlecht veranlagte Individuen nutzen selbstverständlich eine solche Gelegenheit aus, um ihren traurigen Instinkten freien Lauf zu lassen.

Die zahlreichen Feinde des augenblicklichen Ministerpräsidenten haben vorausgesagt, wir würden in diesem Jahre von höchster Stelle eine eklatante öffentliche Entweihung der Woche der Güte erleben, Monsieur Bidault nämlich wolle sie mißbrauchen, um vor dem Parlament die Vertrauensfrage zu stellen; durch die erpresserische Wahl des Zeitpunktes mache er es den Abgeordneten unmöglich, gegen ihn zu stimmen. Die Verdächtigung ist insofern infam, als ihre Urheber selbst Parlamentarier sind, die viel zu gut wissen, daß schon mehr als ein Kabinett gerade während der semaine de bonté gestürzt worden ist – belieben die Regierungskrisen doch besonders gern im Dezember gelegentlich der Verabschiedung des Staatsbudgets auszubrechen. Im übrigen haben die Sozialisten, von deren Verhalten das Kabinett in erster Linie gefährdet schien, inzwischen der semaine de bonté gehuldigt und dem Ministerpräsidenten eine Gnadenfrist geschenkt. Der am 14. Dezember beendete außerordentliche Kongreß der Partei hat mit großer Mehrheit beschlossen, die sozialistischen Minister nicht aus der Regierung zurückzuziehen. Wenigstens vorläufig nicht.. und wenn Monsieur Bidault bis zur ersten Januarwoche ihre Bedingungen angenommen hat. Die bemerkenswertesten darunter sind: Aufwertung der Löhne; Garantie des Streikrechts auch der Beamten; Festsetzung eines allgemeingültigen Mindestlohns; eine provisorische monatliche Auszahlung von dreitausend Francs Teuerungszulage an die Lohnempfänger, deren Einkommen unter 15 000 Francs liegt, bis zur allgemeinen Neuregelung der Löhne; Beibehaltung der Statute der verstaatlichten Betriebe und des Versicherungsapparates! Ein Programm, ganz unannehmbar für die immer kräftiger opponierende dritte Regierungspartei, die liberalen Radikal-Sozialisten, die ohne Rücksicht auf die „Woche der Güte“ mit dem Rückzug ihrer Minister drohen, wenn Monsieur Bidault nicht sofort, also noch vor der Verabschiedung des Budgets, den Defiziten der Staatsbetriebe und der Sozialversicherung durch massive Einsparungen und Personalentlassungen zu Leibe rückt. Für Lohnerhöhungen sind sie nur dann zu haben, wenn Schluß gemacht wird mit dem kalten Sozialismus, der dazu geführt hat, daß heute auf einen Stundenlohn von hundert Francs durchschnittlich vierzig Francs soziale Abgaben erlegt werden; müssen, die für die Wirtschaft verloren sind und in der Hauptsache dem Schmarotzertum zugute kommen.

Monsieur Bidault wird es nicht gut haben während dieser „Woche der Güte“, denn es ist jezt offenbar, daß die Radikalen gehofft hatten, die Sozialisten würden, aus Furcht von den Kommunisten überflügelt zu werden, die Regierung stürzen, um in die Opposition zu gehen und sich dort zu verjüngen. Nun werden die Radikalen selbst der Regierung den Hals brechen müssen, was ihnen nicht gefällt. Und so haben ihre Vertreter in der Finanzkommission des Parlaments noch kurz vor der Abstimmung über das Budget den Entwurf derart zugerichtet, daß der Berichterstatter Barangé, der Bidaults Partei angehört, sich geweigert hat, den Budgetentwurf dem Parlament vorzutragen. Dies ist ein noch nie erlebtes Vorkommnis, in dem man einen Gegenangriff Bidaults sehen kann, der auch hat sagen lassen, daß sein Nachfolger – sollte dieser ein Radikaler sein – nicht auf die Stimmen des M.R.P. rechnen könne. Nun, ein radikaler Nachfolger Bidaults würde dafür auf die wichtigen Stimmen der rechtsreaktionären Freiheitspartei (P.R..L. Parti Republicain de Liberté) rechnen können, die sich soeben auf einem Kongreß ihrer Vertreter für den Sturz der Regierung und für Neuwahlen ausgesprochen hat, ein böser Beitrag zur „Woche der Güte“, der einzig den Kommunisten wirklich Ehre gemacht hat.

Das Zentralkomitee der russischen Partei hat jüngst wieder einen der so beliebten Gerichtstage abgehalten, diesmal nicht über die westliche Verderbnis, sondern über die in den eigenen Reihen. Spione, Saboteure, Schismenförderer und Heresien-Einbläser, alle von Tito gekauft, hätten sich in die Partei eingeschlichen, so hieß es in den einige Seiten der Humanité füllenden Anklagereden, aber geniale Chefs wachten über die Herde und schützten sie vor den Wölfen in jugoslawischen Schafspelz. Wer zitterte nicht, wer wittert da nicht das Nahen des Scharfrichters! Doch siehe, mit Rücksicht auf die „Woche der Güte“ wurden keine Todesurteile gefällt; sondern nur Verweise erteilt. Und die Sektionen einiger Departements wurden öffentlich getadelt weil der Parteieifer dort sichtbar nachgelassen habe. Erregte die Milde des Zentralkomitees schon große Verwunderung, so sollte das humanistisch infizierte Frankreich noch viel mehr staunen und seitens der materialistischen Marxisten eine unerhörte Beschämung erleben. Nichts Geringeres als dies: das geknechtete französische Proletariat wollte gelegentlich des 70. Geburtstages des Väterchens der Völker, der ja gerade in die „Woche der Güte“ fällt, es der Menschheit zeigen, was wahre Güte ist im Gegensatz zu jener, die nur Ausdruck des schlechten Gewissens der ausbeutenden Klassen ist. Diesmal sollten sich nicht die Reichen den Armen gütig erweisen, sondern die Armen den Reichen, und so beschlossen die in der Hölle des Marshall-Plans Schmachtenden, die Seligen im Sowjetparadies mit Geschenken zu überschütten. Man sammelte Nützliches und Angenehmes – zu Stalins Geburtstag.

Vernunftumnachtete, welche die zahllosen Gaben besichtigten, die man in Paris vor der Spedition nach Moskau ausgestellt hatte, fragten, was die Russsen denn mit all den Gegenständen, die man zusammengebracht hatte, machen sollten, besitzt doch jeder Sowjetbürger Fahrrad, Uhr und Radioapparat, zu schweigen von der besseren Qualität aller Waren, die der fürsorgliche Staat ihm profitlos verkauft. Man konnte noch verstehen, daß die französischen Kommunisten Schilder mit revolutionären Schlagworten und Grammophonplatten von Revolutionsliedern schickten, denn alles Revolutionäre soll ja im Sowjetreich als überholt gelten, und Antiquitäten machen Kennern eben immer Freude; aber was sollten diese Kisten mit Champagner und Zigarren, diese Ladungen von Seidenstrümpfen, Stickereien, Keramik, elektrischen Bügeleisen und Kohlenschippen; ja sogar neue den Staub nicht aufwirbelnde Stubenbesen, die es in Rußland gewiß in überlegener Ausführung gibt, harrten der Abreise nach Moskau. Die privatkapitalistische französische Fahrradindustrie hat seit der Ausstellung der Geschenke schlaflose Nächte, denn unter den Gaben befand sich ein Rennrad das ausdrücklich für den jüngsten Metallarbeiter Rußlands bestimmt ist. Was, wenn dieser Junge ein viel besseres russisches besitzt? Es ist nicht immer semaine de bonté. Ach! –