Von unserem Bonner Korrespondenten Robert Strobel

Die in Bonn akkreditierten ausländischen Diplomaten werden es nicht leicht haben. Sie werden immer in Gefahr sein, wenn nicht mit beiden, so doch mit einem Fuß irgendwo anzustoßen, denn sie stehen mit jedem Bein auf einer anderen staatsrechtlichen Ebene. Akkreditiert sind sie bei den Hohen Kommissaren, die ja nach dem Besatzungsstatut die auswärtigen Angelegenheiten der Bundesrepublik wahrzunehmen haben. Abgesandt aber sind sie, um die wirtschaftlichen Beziehungen ihrer Länder mit der Bundesrepublik, die erlaubt sind, zu fördern und die politischen Beziehungen, die vorläufig noch nicht erlaubt sind, vorzubereiten. Das Hofparkett, auf dem man so leicht ausrutschen konnte, war immerhin eine Realität, und man hatte Erfahrungen auf ihm. Die Basis aber, auf der sich die ausländischen Vertreter in Bonn bewegen müssen, ist eher eine Fiktion als eine Realität, und Erfahrungen gibt es hier schon deshalb nicht, weil es seit den ältesten Zeiten an einem Präzedenzfall für eine solche Zwitterstellung von Diplomaten, die es sind und doch wieder nicht sein dürfen, fehlt. Die ausländischen Vertreter werden viel Takt und Geschicklichkeit brauchen, um über die Klippen hinwegzujongliegen. die die hohe Politik zwischen dem Petersberg und Viktorshöhe, beziehungsweise der Koblenzer Straße, aufgetürmt hat. In solchen Situationen hilft am besten jenes humorvolle Schmunzeln, das der Erkenntnis der Vergänglichkeit aller menschlichen Einrichtungen kommt. Die Bundesregierung und der Bundespräsident, die durch diesen legal unzulässigen, illegal erwünschten Verkehr mit Vertretern von Ländern, mit denen wir noch nicht verkehren dürfen, in recht heikle Situationen geraten können, werden sich mit den Revisionsmöglichkeiten des Besatzungsstatuts trösten und neun Monate gute Miene zu dem kuriosen Spiel machen.

Es begann, vor einigen Tagen auf dem Petersberg, wo die Diplomaten ihre Beglaubigungsschreiben überreichten. Sowohl der Doyen dieses kleinen Diplomatenkorps, wie Francois-Poncet als Sprecher der Hohen Kommissare, waren sich des Ungewöhnlichen dieses Empfanges, an dem die eigentlich Besuchten fehlen mußten, lebhaft bewußt, und sie gaben ihren Empfindungen in charmant-diplomatischen Formulierungen Ausdruck. Der Doyen unter den zwölf Diplomaten – bei dem Empfang waren nur elf zugegen, denn der Holländer war zu spät auf dem Flugplatz erschienen und seine Maschine war ihm davongeflogen –, der 60jährige Generalleutnant Maurice Pope, Vertreter Kanadas ist ein alter Militär, aber das Schicksal hat seine diplomatischen Fähigkeiten nicht weniger oft auf. die Probe gestellt als seine militärischen. Während des zweiten Weltkrieges oblagen ihm als Chef der kanadischen Militärmission in Washington wichtige militärische Koordinierungsaufgaben. Viele Jahre seines Lebens hat er im Ausland verbracht: in London, Belgien und Paris. Er kennt also Europa und die Europäer gut (seine Frau ist Belgierin). Er ist der Meinung, daß ein Mann in seiner Stellung politische Urteile nicht äußern sollte, aber er gibt ohne Zögern zu, daß ihm der Aufschwung Deutschlands in den letzten eineinhalb Jahren außerordentlich überrascht habe und nach seiner Meinung zu optimistischen Prognosen für die Zukunft berechtige. Mr. Pope leitete vier Jahre die kanadische Militärmission in Berlin, und er kehrte auch jetzt zunächst wieder nach Berlin zurück, weil ihm in Bonn noch die Büroräume fehlen. Auch andere Diplomaten gehen aus den gleichen Gründen vorläufig nach Berlin zurück, und sie werden es wohl, im Hinblick auf die angedeuteten staatsrechtlichen Komplikationen ihrer Stellung in Bonn, nicht ungern tun. Mehrere Diplomaten haben sich aber bereits in Bonn und Umgebung niedergelassen. Man hat ihnen überdies in der Presse unrecht getan, indem man sie generell als Militärs bezeichnete. Der Mehrzahl von ihnen war der militärische Rang nur aus Zweckmäßigkeitserwägungen verliehen worden. Wer bei einer aus Militärs bestehenden Kontrollkommission akkreditiert ist, hat es in der Verkleidung des Soldaten leichter, und so wählte man sie eben. Bei der Vorstellung auf dem Petersberg aber waren sie alle in Zivil erschienen. Die einzige bunte Ausnahme unter den betont konventionellen Gesellschaftsanzügen war das kleidsame Nationalkostüm des indischen Vertreters: langer schwarzer Rock, schwarze Kniehose und weiße Gamaschen.

Einer fehle unter den Diplomaten: der Abgesandte des heiligen Stuhls. Bischof Münch führt den Titel eines Regenten der päpstlichen Nuntiatur. Damit wußte der Vatikan in seiner Klugheit den Schwierigkeiten einer fragwürdigen Akkreditierung auszuweichen. Der Regent der päpstlichen Nuntiatur bedarf keiner Akkreditiv rung. Einen Nuntius aber wird der Vatikan, der ja Zeit hat, nicht früher nach Deutschland entsenden, als bis er ihn bei der Deutschen Bundesregierung wird akkreditieren können.