Konkret, praktisch, konstruktiv“ nennt die Arbeitsgemeinschaft der Schutzvereinigungen für Wertpapierbesitz in Düsseldorf ihre Stellungnahme zur Ordnung der I.G.-Farbenindustrie AG, die sie Anfang dieser Woche (zugleich mit Überreichung an Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag) auch der Öffentlichkeit übergab. Wir möchten diesen drei Selbstzensuren noch zwei weitere hinzufügen; gerecht und fortschrittlich!

Dieses größte deutsche Unternehmen mit 1,36 Md. RM Aktienkapital hat mehr als 500 000 Aktionäre, von denen keiner mehr als 1 v. H. in einer Hand besitzt, aber 71 v. H. weniger als jeweils 10 000 RM. Die „Mündelsicherheit“ der I. G.-Aktie wurde höher geschätzt, als die der öffentlichen Schuldner. Durch Machtspruch sind die Eigentümer, also die 300 000 Aktionäre, seit Kriegsende entrechtet und zwar Stärker als die der Montan-Industrie, Hier wieder eine Ordnung zu schaffen und einen Gesetzes- und Rechtszustand, den man dieser wicheigen Schlüsselgruppe innerhalb der deutschen Groß-Chemie schuldig ist, ist gewiß eine der besonderen dringenden Aufgaben für die Bundesregierung.

Als die Gewerkschaften vor Monatsfrist ihren Neuordnungsplan veröffentlichten, der eine „Chemie-Treuhandverwaltung“ nach „Modellgesetz 75“ vorsah, mußte von uns aus moniert werden, daß man sich praktisch nur an die Besatzungsmacht gewandt hatte und die deutschen Hoheitsbefugnisse geflissentlich übersehen wollte, So entstand der peinliche Eindruck, als ob man auf dieser Umgehungsstraße irgendwelche Sondervorteile erreichen wollte, die weniger im Interesse der Werke und der Belegschaften liegen, als vielmehr im Interesse einer Hausmacht der Düsseldorfer Zentrale: man wollte also offenbar nicht die Belegschaften, sondern sich selbst in die Verwaltungen hineinmanövrieren.

Anders der jetzige Gesetzesvorschlag. Er bringt kein neues Provisorium, keinen neuen Trust, auch wenn er von „Treuhand“ spricht, sondern die Entflechtung und die Ordnung. Er schafft drei lebens- und konkurrenzfähige Nachfolgegesellschaften, neben einigen verselbständigten Töchtern, lockert das ganze Gebilde auf und ist Beispiel für eine wirkliche deutsche Entkartellierungs-Loyalität, die wir (gerade auch gegenüber den Amerikanern) endlich einmal ganz deutlich und klar gebrauchen. Der Entwurf berücksichtigt die Grundzüge des neuen deutschen Anti-Mono polgesetzes, die Rechtsgrundlage des deutsches, und des Völkerrechtes und beendet den traurigen Zustand der verfügten „Sowjetisierung des Eigentums“, wie wir ihn nun seit mehr alt! vier Jahren hier im Westen am Beispiel der I. G.-Farben im Zuge der totalen Unterbindung der Eigentumsfunktionen, der Außerkraftsetzung von Aktien- und Arbeitsrecht und der Beibehält tung von Reliquien aus der militärischen Mottenkiste über uns ergehen lassen mußten.

Schon allein in der Überwindung dieses Zustandes sehen wir die Zensuren „gerecht und fortschrittlich“ als begründet an. Aber auch in einer anderen Hinsicht ist es so.

Der Gesetzentwurf sieht die Neuordnung des I. G. im Rahmen der parlamentarischen Funktion nen vor und schaltet die Bundesregierung stark ein. Dabei wird scharf darauf geachtet, daß nicht ein neuer Totalitätsanspruch von Einzelpersönlichkeiten zum Durchbruch kommt, gleichgültig von weicher Seite, und daß sich maßgeblich um die Durchführung der Ordnung Aktionäre und Belegschaften, neben den Gläubigern, bemühen müssen. Dabei sieht der Gesetzentwurf eine Terminbildung von zwölf Monaten vor, eine Beschränkung, die man als berechtigt, ja sogar als erfreulich bezeichnen darf. Wenn man das umfangreiche Arbeitspensum der I. G.-Ordnung übersieht, dann erscheint es gerechtfertigt, daß man die Frage der Einschaltung der organisierten Arbeitnehmerschaft in Aufsicht und Leitung nicht unmittelbar mit der rechtlichen und betrieblichen Entflechtung verbindet, sondern sich dies als Sonderregelung (entsprechend den in Zukunft darüber zu fassenden Beschlüssen der Regierung) offen läßt. Diese Elastizität dürfte den Belegschaften später sehr zustatten, kommen.

Sicherung der Rechte der Aktionäre, der Pensionäre und der Belegschaften, Aufrechterhaltung lebensfähiger Betriebe, Neuordnung der Besitzanteile durch Aktientausch und Berücksichtigung der deutschen Aktien- und Kartellgesetzgebung: das sind die Grundzüge des Entwurfes, der einen gangbaren Weg zur Ordnung innerhalb dieses „mimosenhaften“ Wirtschaftszweiges am Fall I. G.-Farben zeigt. Nun hat die Bundesregierung zu sprechen. Rlt.