Sehr allmählich, sehr mühsam hat sich die Einsiehtdurchgesetzt, daß zwischen Siegern und Besiegten die Versöhnung fruchtbarer ist als ein Rechten oder Rächen. Diese Einsicht ist aus dem Urteil gegen den ehemaligen Feldmarschall Erich von Manstein schwerlich herauszulesen. Eine Gefängnisstrafe von 18 Jahren für einen 62jährigen heißt praktisch: lebenslänglich. Das britische Militärgericht, das einen deutschen Heerführer viereinhalb Jahre nach Ende der Feindseligkeiten verurteilte, war fraglos korrekt und nicht daran schuld, daß dieser Prozeß erst begann, als es schon nicht mehr zeitgemäß wirkte, einen Kriegsgefangenen noch als Kriegsverbrecher anzuklagen. Es war nicht daran schuld, daß es die Maßstäbe des normalen britischen Militärstrafrechts auf den jeder Erfahrung spottenden Krieg im Osten anzuwenden hatte, einen Krieg, zu dem sich ein Gesetzbuch verhält wie Knigges „Umgang mit Menschen“ zu einer Revolution. Die moralische Verfehlung jedes deutschen Heerführers im letzten Kriege besteht darin, Hitlers Heerführer gewesen zu sein. Wo dagegen beginnen die kriminellen Verfehlungen für den, der nun einmal Hitlers Heerführer war? Mißt man sie bei den Besiegten an Gesetzesparagraphen, die nicht in jedem Falle auch auf die Sieger angewandt werden, so hat man zweierlei Maß. Und dann ist man bereits dem Rechten näher als dem Recht. Das Ergebnis dieses Prozesses mit Spätzündung kann weder Sieger noch Besiegte befriedigen. Es bleibt dringend zu wünschen, daß die höhere Instanz, die das Urteil zu bestätigen hat, sich auch von dem höheren Gesetz des Friedens und der Völker ver- – söhnung leiten ließe. Fr.