Von Jan Molitor

Plötzlich fühlte ich mich am Fuß gepackt, und man schleifte mich hastig, so daß der Kopf mir hin und her pendelte. Sehr still war es seit dem Aufprall. Kein Motor brüllte mehr; Vögel sangen über dem Schnee. Zugleich merkte ich, daß es nur ein einziger Mann war, der mich hinter sich drein zog, während er selbst auf den Knien rutschte. Schon glitt ich unter Schmerzen in einen tiefen Graben und lag da.

Der Graben roch nach Chlor, ekelhaft, und ich glaubte zu ersticken. Aber es war nicht der Chlorgestank; es war, weil die Bänder mit dem Kehlkopfmikrofon nicht gelöst waren: die beiden Plättchen drückten mir die Kehle ein. Man löste die Schnalle und streifte mir die Fliegerhaube ab, jetzt war alles gut.

Taumelig stand ich auf. Zwei Männer redeten auf mich ein, doch ich bemühte mich vergebens und voll verzweifelter Höflichkeit, sie zu verstehen. Einer kam, der keinen Karabiner trug, nur einen Knotenstock. Er holte aus seiner hinteren Hosentasche ein flaches, gebogenes Fläschchen. Er schraubte den Verschluß ab, wandte ihn um und füllte ihn aus der Flasche, wobei seine Hand nicht ruhig war. Ich trank, es war nur ein Schluck, doch es passierte etwas Wunderbares: ich war betrunken und unsäglich fröhlich, während wenige Meter vor dem Graben ein heller Schein erwachte und den Schnee dahinschmelzen ließ –: das Flugzeug brannte.

Dies wird um den 21. Dezember gewesen sein, am kürzesten Tag des Jahres.

Einen Menschen aber, der von einem einzigen Schluck betrunken war, hatten die Grabenmänner noch nie gesehen. Soviel ich hörte, sprachen sie von einem "komischen Vogel", den sie sich da "eingefangen" hätten. Vielleicht war es deshalb, daß sie mich in einen Bunker führten, einen Stollen, der vom Graben abgezweigt und mit schweren Balken gedeckt war: dort saß nämlich noch ein anderer "komischer Vogel", und wer es nicht glaubt, dem kann ich noch heute genug Personen nennen, die diesen Vorfall jederzeit bestätigen werden ...

Der andere saß auf einer hochgekippten Munitionskiste und hatte ein schwarzes Mäntelchen mit einem Samtkragen an. Später zeigte er mir auch einen runden, steifen Hut. Er sagte wörtlich und mit nur leichter Verlegenheit: "Das ist der Hut dazu." Daß ich damals glaubte, nie ein rührenderes Männlein gesehen zu haben, mochte von dem Umschwung meiner Stimmung kommen. War ich erst fröhlich gewesen, so wurde ich nun traurig: die Ein-Schluck-Trunkenheit hielt eben nicht an, sie taugte nichts, und es waren ja auch keine Vögel, die über dem Schnee des Ostens sangen, sondern es pfiffen Kugeln über den Schnee, Kugeln aus Karabinern und Maschinengewehren. Das Männlein aber erzählte seine verblüffende Geschichte: