Es war das Fieber. Es hielt drei Tage an, und das Männchen saß an meinem Bett im Lazarett, den abgeschabten Samtkragen frierend hochgeschlagen, und lehrte mich, aus violetten Kringeln, die vor meinen Augen rasch rotierten, klingelnde Ringe und Ketten und schwebende Kugeln zu basteln. Und nach drei Tagen war ich wieder klar und das Männchen verschwunden, und rechts und links lagen sehr bleichgesichtige oder sein rotgesichtige Gestalten in anderen Betten und bestätigten, was ich vermutete: es sei kein Bastellehrer hier gewesen; man wußte nichts von ihn, und ich mußte Einzelheiten erzählen von dem mit Chlorgeruch und Kugelgepfeife erfüllten Graben, ehe sie auch ans Männlein glaubten.

Es war nun mittlerweile der Tag gekommen, der von aller Frühe bis Mitternacht Heiliger Abend heißt. Mittags bemühte sich eine Krankenschwester, ein junges Ding, einem alten Landser eine Sympatolspritze zu geben, doch die Haut war wie Leder, die Nadel brach ab; eine neue Nadel, dasselbe Ergebnis. "Entschuldigen Sie", flüsterte die Schwester. "Keine Ursache", hauchte der Landser, derselbe, hinter dessen Dienstgrad und Namen auf der Liste nachts zwei Buchstaben geschrieben wurden: Ex ... Da war er nicht mehr Stabsgefreiter und hatte alles hinter sich. Solcher Art waren die Episoden, die unsere Gespräche unterbrachen. Aber die Gespräche waren weihnachtlich.

"Katholische Schwestern", sagte einer, "sind die besten. Sie denken ausschließlich an Gotteslohn." – "Schön", erklang es aus einem anderen Bett, "aber wenn sie einen Pfarrer finden, der eine Messe liest, dann kannst du klingeln, soviel du willst, nix zu machen: sie beten." – Ein dritter fügte hinzu: "Und was die Hauptsache ist: wenn eine Weihnachtsfeier stattfindet, dann machen sie die Kerzen wohl an, aber sie gucken über dich hinweg; sie beten lateinisch und meinen es nicht so persönlich wie die anderen." Ich hörte zu, doch konnte ich nicht herausfinden, welche Art von Schwestern sie lieber mochten, die katholischen oder die anderen. Ich wunderte mich, daß die meisten in diesen Betten größere Lazarett- oder Krankenhauspraxis und auch speziellere Weihnachtserfahrungen hatten.

"Wir im Sturm", begann einer, "feierten Weihnachten einmal germanisch. Der Sturmführer ging mit dem Streichholz die Kerzen lang: ‚Dieses Licht für’n Führer ... dieses Licht für’n Stabschef‘ und so weiter. Mit dem ersten Streichholz kam er bis Göring, mit dem zweiten bis Rosenberg, mit dem dritten bis Ley, mit dem vierten nahm er sich die Toten vor, den Wessel und den Schlageter und so die ganze Liste runter. Und wir bei jeder Kerze in strammer Haltung: ‚Heil!‘ Bis der germanische Christbaum von oben bis unten brannte. Nachher waren wir ganz schön besoffen. Aber das schlimmste war: wir sangen Weihnachtslieder ..."

Hier gab es nun eine Pause, die etwas Unangenehmes hatte. Einer kicherte irgendwo in der Ecke, ein anderer fluchte lästerlich, aber man wußte nicht, worüber. Endlich sagte einer, dessen Gedanken offenbar bei den christlichen Liedern hängengeblieben waren, die aus julklapphafter Betrunkenheit wider alles Machtgebot und alle "germanische" Absicht aufgestiegen waren: "Tja, das steckt so drin." Er sagte das ebenso neutral wie freundlich.

"Es ist etwas Seltsames..." Kaum daß eine junge Stimme so begonnen hatte, ertönte aus einem Nachbarbett der Ruf: "Halt die Schnauze, Abiturient!" Das war nicht gerufen, das war gebrüllt. Aber als eine Rote-Kreuz-Schwester mit ihrem Ärmel über die beschlagenen Fenster wischte, so daß man die dicken Schneeflocken sehen konnte, die durcheinandertaumelnd niederschwebten, und als eine rauhe Kehle mit den Worten "Es ist komisch ..." anfing, erhob sich nicht der mindeste Widerspruch. Der Lazarett-Saal war jetzt milchigweiß, und eine milde Stimmung schien sich auf alle Gesichter gesenkt zu haben, auf die leichenblassen und auf die fieberroten. Und die rauhe Stimme wiederholte tief nachdenklich: "Es ist komisch ..." und – schwieg.

Es war seltsam ... nein das durfte man hier nicht denken ... es war komisch ... ja, so war’s richtig gedacht, denn in dieser Gesellschaft hieß offenbar "komisch", was außergewöhnlich war, also: es war zum Weinen komisch, daß eine Musik in mir erwachte. Nein, keine komische, eine feierliche Musik! Kam sie daher, daß ich ein Musiker gewesen? Ich durchblätterte in Gedanken, während die heiße Angst mir den Atem nehmen wollte, Partituren und Klavierauszüge. Doch es war eine fremde Musik; sie war da, jedoch nicht greifbar, nicht faßbar. Musik aus der Jugend? Nie komponiert und doch gefühlt von allen Menschen in der Welt, die einmal jung und irgendwo zu Hause waren? Oder eine Musik, die dem Leben folgte, dem Tod vorausging? Hat man’s nicht dutzendmal sagen hören, daß sich der Himmel öffnet, bevor man stirbt? Hat man’s nicht dutzendmal gesehen: dieses ferne gleichsam lauschende Lächeln auf erkalteten Gesichtern unterm Stahlhelm, unter der Fliegerhaube? – Von meiner Stirn troff der Schweiß, und plötzlich duftete der Saal nach Tannenzweigen, und der Mann im Nachbarbett, der das Wort "Seltsam" aus dem Munde des Abiturienten haßte, saß seltsam schräg auf einem Stuhl neben meinem nassen Lager und wischte mir mit einen nach Tabak riechenden Taschentuch das Gesicht. Und schräg saß er, weil er einbeinig war.