Ehe es Abend wurde, fühlte ich mein Gehirn frei, wenn auch ermattet, Jemand plauderte, daß in der Nähe eine Flak-Batterie läge, lauter Pimpfe, Sechzehnjährige. "Paßt auf: die kommen an, pflanzen sich auf. ‚Ein Lied – zwei, drei’: ein Weihnachtslied. Stille Nacht, Heilige Nacht. Wetten daß?" Vorläufig stand ein riesiger Christbaum im Saal, rechts vor dem Fenster, hinter dem noch immer die Schneeflocken umeinanderwirbelten. "Es ist komisch", sagte die rauhe Stimme, die ich aus den gleichen drei Worten schon kannte. "Wenn Weihnachten ist, glaubt man, alles würde besser werden. Und wirklich: die Nachrichten werden besser, alles steht gut, überall steht alles gut; auch die Menschen werden besser, so glaubt man, und sie bessern sich, bis sie gut sind. Überall – denkt man – liegt Neuschnee. überall, in der ganzen Welt. Und Neuschnee – das ist Vergessen, Frieden ..."

"Et pax hominibus bonae voluntatis sagte der Abiturient

Oh, hätte ich damals gewußt, was ich heute weiß! Neuschnee? Es war Schnee, blütenweißer Schnee, und es war christallenes Eis, als die Flüchtlinge ein paar Jahre später, ungefähr um die Weihnachtszeit, aus dem Osten übers Haff fuhren. Es war Neuschnee, der die kleinen Kinder begrub, die auf dem Wege starben. Und welch ein wundervoller Schnee in jenem Winter, als man, wenn man ein Deutscher war, wohl Hungers sterben und erfrieren, aber, wenn man ein Soldat von der Besatzung war, nicht "fraternisieren" durfte!

Damals wurde lässig überlegt, wer als Weihnachtsmann kommen werde mit Bart, mit Gabensack und Rute; der Oberstabsarzt vermutlich. Doch er kam nicht. Es kamen auch nicht die "Pimpfe" von der Flak. Niemand sang. Und wegen des tiefen Schnees war auch die Post nicht durchgekommen. Niemand erhielt Geschenke. Und was am Heiligen Abend keiner wußte, stellte sich nachher allgemein heraus: das Lazarett lag in einem tiefen Walde, der von Partisanen durchsetzt und umgeben war. Eine Schwester kam, als es dunkel wurde, und wünschte mit hoher Stimme "Frohe Weihnacht". Alle lachten, und sie beeilte sich und ließ uns mit dem Tannenbaum allein. Der Duft erfüllte unseren Saal, niemand sprach ein Wort; nur einmal sagte der Abiturient noch: "Seltsam, seltsam..." Vielleicht, daß er dies aus Bosheit sagte, aber rings war Schweigen; Kein Knecht Ruprecht weit und breit.

Morgens, am Weihnachtstag indessen, ward die Ankunft eines Männleins gemeldet. "Er kommt in Zivil", lachte die Schwester, "hat einen Mantel mit Samtkragen, einen kleinen Koffer voller Bastelsachen, kleine Hölzchen, Laubsäge, Schere und buntes Papier und einen runden, steifen Hut ..."