Von Annie Francé-Harrar

Dieser Tage wurde ein niedliches kleines Mädchen geboren. Seine Tante, unverheiratet und erstes Faktotum in einem großen Anwaltsbüro, sagte halb scherzend, halb im Ernst: „Na, richte dich nur gleich darauf ein, daß du keinen Mann kriegst!“

Hatte sie recht?

Daß augenblicklich ein Männermangel besteht, läßt sich nicht leugnen. Wer es nicht glaubt, der braucht sich nur die Statistiken anzusehen: Es ist beinahe so schlimm wie nach dem Dreißigjährigen Krieg, als eine zeitgenössische, viel verbreitete Karikatur ein Dutzend junger Frauen darstellte, die sich – in Ermangelung eines Mannes – um dessen Beinkleider prügelten. Und als man ernstlich erwog, ob man die nur da und dort lokal eingeführte „Doppelbeweibung“ nicht vielleicht als obligat auf das ganze „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ ausdehnen solle.

Gegenwärtig denkt man wieder an Ähnliches. Nicht gerade an zwei Frauen für einen Mann, denn wo sind – wenn man schon die seelische Problematik außer acht lassen soll – die wirtschaftlich günstigen Verhältnisse, die einen solchen doppelten Haushalt erlauben würden? Aber wenigstens das Recht der Frau auf ein Kind, ob verheiratet oder unverheiratet, sollte bestehen. Denn es ist doch ein rechnerisch unmöglich lösbares Problem, wie jede Frau zu einer natürlichen Familiengründung kommen kann, wenn die Zahl der Männer kaum die Hälfte bis ein Drittel, teilweise noch darunter (beträgt.

Noch jeder Krieg hat das ursprüngliche Verhältnis zugunsten der Frauen verschoben. Jeder Krieg endete mit einer Unterbevölkerung an Männern. Ganz nebensächliche, die in der Weltgeschichte gar keine Bedeutung hatten, wie der berüchtigte Paraguaykrieg, brachten so viele Männer zur Strecke, daß man sich gezwungen sah, eine Polygamie nach Art der türkischen Haremswirtschaft einzuführen. Frauenberufe gib es dazumal kaum, es blieb also nichts anderes übrig, als die „Haube“ für die paraguayischen Mädchen zu erweitern oder zu vervielfachen.

Aber es scheint, daß ein wohltätiges und sinnvolles Naturgesetz dem „stärkeren Männerverbrauch“ bereits schon von Anfang an Rechnung trägt. Das 20. Jahrhundert begann in Europa mit 107 bis 108 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten. Indien, China, Japan weisen noch größere Überschüsse an Knaben auf. Jeder Am weiß, daß der männliche Organismus, er mag noch so trainiert und abgehärtet sein, gegen Infektionen und Überbeanspruchung weit empfindlicher ist als der weibliche. Darauf beruht es, daß bis zur Mündigkeit die Geschlechter bereits eins zu eins stehen. Was nachher kommt, stärkt das zahlenmäßige Überwiegen der Frauen immer mehr. Frauen sind – immer unter durchschnittlich normalen Verhältnissen – länger gesund und leistungsfähig, sie werden älter. Infolgedessen bleiben aus jedem Jahrgang mehr Frauen übrig, und darum spricht die Statistik in jedem Land auch ohne Kriege von einem langsam ansteigenden Frauenüberschuß.