Von R. Schraube

In der Morgendämmerung schaue ich von meinem Farmhaus nach Osten in das durchscheinende Gewölbe von Opal und Türkis. Ein zartgrüner, seidiger Schleier liegt nach dem guten Regen über dem bergigen Land. Und deutlich erhebt sich jetzt der langgezogene flache Bergrücken, der den Horizont abschließt und den die Eingeborenen in ihrer wohltönenden Sprache „Onjati“ (Büffelberg) nennen. Hinter diesem Berg steigt alles auf, was die Natur in unser einfaches Leben hineingibt nach Gesetz und Ordnung, nach Tages- und Jahreszeit: der Regen aus dem Raum des Indischen Ozean, die sonneverdunkelnden Heuschreckenschwärme aus dem Inneren Afrikas, die großen Vogelzüge, die vom Ngamisee kommen, die feuerhellen Nachthimmel über der brennenden Steppe...

Der Tag hat angefangen wie alle Tage hier oben auf dem Hochland in der heißen Zeit; und doch ist etwas besonderes in diesem Tage. Heute soll Heiliger Abend sein ...

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Heute abend will ich über die Berge nach Okatjemissé zu einem alten Freund reiten. Okatjemissé ist so voller großer Bilder, so voller Hirten und Volk. Da stehen die hohen alten Kameldornbäume, da stelzen noch alte Männer und Frauen aus der Großzeit der Ovaherero auf dürren Beinen mit ihren langen Stecken umher und sagen so freundlich: „Móro muhon, móro“ – guten Tag, Herr, guten ^Tag – und grüßen und verbeugen sich mit soviel Würde und Anstand. Sie grüßen aus einer vergangenen Zeit tief aus, in der sie als Herren durch dieses Land gingen, als Heiden und doch als Gotteskinder. Aber ehe ich. reite, sollen meine Leute auf der Farm ein schönes Weihnachten haben mit „onjamá na moi lekker kost“ – mit viel Fleisch und sonst noch allerlei Gutem. Der in der Nacht zusammengebastelte Weihnachtsbaum ist schon geputzt. Und vormittags schon hat sich auf meiner Veranda eine Schar nackter, brauner Kinder versammelt zum Kühlen der Christbaumkerzen in nassen Tüchern. Hochsommer im Hereroland!

Es sind schöne Kinder mit langen Hinterköpfen und unschuldigen, warmen, zärtlichen Augen, aus denen Freude und Erwartung spricht. Sie sind so gesund und ebenmäßig, so wohltuend natürlich und ohne Scheu. Wenn sie nicht schwatzen, lachen oder singen sie. Und manchmal sprechen sie ernst und feierlich von „Omukuru“ (Gott), „Omuatje“ (dem Kind) und Ina Maria“ (seiner Mutter Maria). Heute abend werden sie um den Lichterbaum stehen und singen.

Am frühen Nachmittag ist die Kuh mit dem weißen Gesicht da: der Weihnachtsbraten. „Ongombé ngui – dort steht die Kuh, sagt Kasupi. Strahlend blau wölbt sich der Himmel. Eine Herde Affen sitzt als Zuschauer auf den Kuppen über dem Garten. Die Kuh, obwohl ein gesundes Tier, ist zu Schaden gekommen. Sie muß erschossen werden. Bei dem Knall flüchten die Affen in wilden Sätzen, die kleinen Affenkinder im Bauch- oder Rückenhaar ihrer Mütter. Gut so! Wenn sie heute tüchtig erschrecken, dann brechen sie morgen nicht in mein Maisfeld, in meine Pfirsichbäume und meine Weinstöcke ein. Die Leute halten sich die Bäuche vor Lachen, und ein paar von den jüngeren machen die Gesten und Bewegungen der Paviane urkomisch nach. Dann häuten die Männer die Kuh ab und verteilen sie gerecht auf die Familien. Ringsherum sitzen die Frauen und Kinder. Sie schwatzen und geben Rat. Wie sind diese schlichten, braunen Menschen anständig, wie sind sie besonders ehrlich und großzügig, wenn sie für Abwesende zuteilen! Gelbe Fettablagerungen lassen die Augen glänzen, ein Murmeln der Bewunderung und des Vorgenusses geht durch das braune Volk.