Zutrunk um die Sonnenwende

Der alternde Geheimrat in Weimar und erst recht der alte pflegte die Wintersonnenwende nach eigenem Rezept zu begehen, seine Trabanten haben es bezeugt, er selber auch, und es fragt sich, ob wir Goethe nicht würdig nachfolgen, wenn wir sein Rezept, freilich zeitgemäß dosiert, gegen Ende dieses Jahres anwenden.

Von jenem Carus, Arzt, Naturforscher und Maler, der am 28. August 1849 seinem verewigten Freund und Förderer die Festrede hielt und der die erste Goethe-Biographie geschrieben hat, die den Genius in seiner Ganzheit faßt, von jenem klugen und feurigen Schriftsteller gibt es auch ein Bild; „Goethe-Denkmal“. Auf bescheidenem Sockel steht eine Harfe, vor der sich zwei Engel neigen, das Ganze gegen ein zackiges Gebirge gestellt, wie C. D. Friedrich es zu malen pflegte – ein würdiger Entwurf. Carus war freilich ein romantischer Geist, er stellte die Engel aufs Postament, während viele von uns – um im Bilde zu bleiben – die verehrenden Gestalten entfernt haben. So haben auch viele die Harfe, das Instrument, durch das der Wind singen sollte, beklopft und Saite für Saite nach ihrer Klangfähigkeit untersucht. Nun gut, das mochte noch angehen, solange es sich um Köpfe handelt, die unsere Zeit prägen: sie fühlten sich ja wohl von keinem andern als von Goethe getrieben nachzuforschen, ob und was der Genius uns heute zu sagen hätte. Doch gab es auch noch andere Kritiker –: sie haben mit Goethe ‚Zaunkönig und Adler‘ gespielt, und es braucht wohl nicht erst versichert zu werden, daß sie bei diesen Wolkenflügen die Zaunkönige waren und nicht der Adler.

Es gibt eine Wertskala, die zuerst von den Brüdern Schlegel aufgestellt worden ist, diesen doch gewiß kritischen und nicht selten mäkelsüchtigen Naturen. Romantische Poesie galt ihnen über alles, und doch sahen sie in dem Höhenzug des christlichen Äons drei Dichter von Gipfelrang: Dante, Shakespeare und Goethe. Homer natürlich fügte sich ihnen nicht in diesem Zusammenhang. Wird er, der antike Sänger, den Dichtern des christlichen Aeons vorangestellt, so bleibt Goethe dennoch als Lyriker der vierte Gipfel. Allzuvielen Betrachtern haben sich, weil sie den richtigen Abstand nicht empfanden, soviel Vorhöhen und Vorberge zwischen den Gipfel und ihr Auge geschoben, daß sie seine wahre Höhe verkannten. Mit solchen Naturen hatte schon der lebende Goethe zu tun; er konnte trotz aller schwer errungenen Gelassenheit seinen Ärger manchmal nicht unterdrücken und holte dann gern eine Flasche Rotwein aus dem Keller, womit wir beim letzten Vorschlag zum Goethe-Jahr angelangt sind.

Goethe, dieser Sonnenanbeter, blieb sich des ruhigen Ganges der Gestirne stets bewußt, wenn er die Unrast der Menschen wieder einmal bemerkte. Dies Bewußtsein erhielt er sich im Für und Wider. Zum „Wider“ etwa notiert er sich drei Monate vor seinem Tod, am 14. Dezember 1831 –: „Abends in einem durch die Entfernung der Sonne in der frühen Nacht wie vor Alters deprimierten Zustand, beging ich einen Fehler, mir von Wölfchen die ersten Akte der Erinnerung von Iffland vorlesen zu lassen. Ein Stück der Art, welches einem mitten im Sommer am längsten Tage und beim höchsten Barometerstand deprimieren müßte.“ Und das „Für“? Zu Dutzenden finden sich die Stellen, die beweisen, wie Goethe mit der Sonne, mit Sonnenaufgang und -untergang lebte. Gern vergleicht er das Gestirn mit der Liebe. „Sie wird kommen! Sie wird kommen! – war mein Ausruf“, schrieb er Charlotten am 27. April 1781, „als ich die Augen aufmachte und die Sonne sah.“

Nimmt es da wunder, daß er stets die Sonnenwenden feierlich beging, zumal die Wintersonnenwende, wenn die kurzen Tage sich zu längen begannen?

Der Herr Geheimrat, der Speis’ und Trank zu schätzen wußte, der wegen märkischer Rübchen und frischer Seefische Korrespondenz führte, stieg am Abend der Wintersonnenwende hinab in den Keller, holte sich eine Flasche Schaumwein nach oben und leerte sie, selbst wenn er Besuch hatte, leerte diese Flasche für sich allein und hob das Glas dem näher kommenden Gestirn entgegen. Er machte daraus eine Zeremonie; warum auch nicht? Es gibt manchen weniger bedeutsamen Anlaß zum Feiern, und als Verehrer der Naturgesetze, des Wandels der Gezeiten, trank er dem Schöpfer zu – das war ein Brauch, an dem er festhielt. Dieser Brauch war eine Spiegelung seiner Naturnähe, war ein Siegel auf seinen Bind mit dem, der die Sonne nach alter Weise tönen läßt.

Folgen wir heute diesem schönen Brauch, es muß nicht gerade ein moussierendes Getränk sein. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten zum Feiern, zum Beispiel in den Briefen, Tagebüchern und Gesprächen die Stellen nachzuschlagen, an denen Goethe von der Sonne handelt... Doch haben wir Wein, so wollen wir bei dem ersten, bedächtigen Zug die Gipfelreihe vor uns aufsteigen lassen: Homer, Dante, Shakespeare und Goethe. Otto Brües