Es ist kein Zweifel, daß die Jahre der Illegalität des Berufsrevolutionärs auf Stalins Persönlichkeit den eigentlich entscheidenden Einfluß geübt haben. Sie waren gleichzeitig Jahre der gründlichen Ausbildung in jener Theorie, die heute in der halben Welt mit einer tödlichen Orthodoxie geglaubt und angewandt wird. Manches an Stalins späterer Haltung, das den in Oxford, an der Sorbonne oder an der Harvard University erzogenen. Staatsmännern des Westens so fremd ist, mag daraus erklärlich werden. Ein orthodoxer marxistischer Revolutionär, der dazu noch den messianischen Nationalismus des Moskowitertumes angenommen hat, reagiert und handelt anders als ein liberaler Demokrat des Westens.

Als Stalin am 12. März 1917, zehn Tage nach der Abdankung des Zaren, in Petersburg ankam und zusammen mit Kamenew die Leitung der Prawda übernahm, die er nur ein paar Wochen bis zur Ankunft Lenins innehatte, war er 37 Jahre alt und ein fertiger Mann.

In der Oktoberrevolution, die das Regime des inadäquaten Kerenski beendigte und „alle Macht den Räten“ gab, wie im darauffolgenden Bürgerkrieg, hat Stalin eine wichtige, aber keine führende Rolle gespielt. Diese kam allein der unerschütterlichen Autorität Lenins zu, vielleicht bis zu einem gewissen Grad noch Trotzki. Doch war Stalin im Apparat der Partei und des Staates schon hoch aufgestiegen. Er war Volkskommissar für die Nationalitäten, Chef der Zentral-Kontroll-Kommission, welche die damals beginnenden Säuberungen der Partei steuerte, und er war eines der sieben Mitglieder des Politbüros, des eigentlichen Führungskörpers, gemeinsam mit Lenin, Trotzki, Kamenew, Bucharm, Sinowjew und Tomski. Er hatte sich bei der Verteidigung Zarizyns, des späteren Stalingrad, bei der Reorganisation der Südfront, weniger jedoch bei dem gescheiterten Vorstoß auf Warschau, einen Namen gemacht. Und er befand sich bereits in einem heftigen Konflikt mit Trotzki – ein Streit, der seine Haltung bis in die zweite Hälfte der 30er Jahre beherrschen sollte. Den entscheidenden Schritt aber tat Stalin, als er am 3. April 1922 den Posten des Generalsekretärs des Zeittral-Komitees übernahm. Keine der intellektuellen Größen der Partei, weder Trotzki noch Kamenew oder Sinowjew, hätten sich bereit gefunden, einen so trockenen administrativen Auftrag zu übernehmen wie diesen Daß jedoch, das Generalsekretariat zusammen mit der Zentral-Kontroll-Kommission die eigentliche Machtposition werden konnte, wenn man nur von den darinliegenden Möglichkeiten Gebrauch machte, das erkannten sie, das erkannte selbst Lenin erst, als es zu spät war.

Alle Macht für Stalin

Zwei Monate nach der Ernennung Stalins erlitt Lenin, 53jährig, den ersten Schlaganfall. Und während alles seine Rückkehr als selbstverständlich ankündigte, begann in Wirklichkeit am selben Tag ein intensiver Kampf um die Nachfolge, in dem Stalin solche Trümpfe in der Hand hatte, daß ihm nur mehr die Autorität Lenins selbst gefährlich werden konnte. Lenin kehrte zwar im Herbst zurück, jedoch nur auf kurze Zeit. Im Dezember 1922 erlitt er den zweiten, im März 1923 den dritten Anfall. Doch hatte er in der Zwischenzeit den beginnenden Diadochenstreit wohl bemerkt, so daß er am 25. Dezember 1922 eine Art Testament diktierte, in dem er das Politbüro zur Einigkeit aufrief und auch einige personelle Bemerkungen machte: Trotzki und Stalin seien die beiden fähigsten Mitglieder des Politbüros; persönlich sei Trotzki wohl die am meisten geeignete Führerpersönlichkeit, doch müsse man sich seiner Auseinandersetzungen mit dem Zentralkomitee erinnern, in denen er „ein übertriebenes Selbstvertrauen“ entwickelt habe. Stalin seinerseits habe eine enorme Macht in seinen Händen konzentriert, und –: „Ich bin nicht sicher, daß er es immer versteht, sie mit der gebotenen Behutsamkeit zu gebrauchen.“

Stalin, dem wie den übrigen Führern das Testament zunächst unbekannt blieb, fuhr fort, seinen Machtapparat, vornehmlich durch Erneuerung der Delegierten aus der Provinz und durch Beseitigung aller ihm nicht ergebenen Parteifunktionäre, mit größter Beschleunigung auszubauen. Lenin, dessen Kritik, als er sein Testament diktierte, noch unentschlossen gewesen war, begann jetzt schärfer zu schießen. Er schrieb eine Notiz, in der es hieß, Stalin sei zu grob und seine Fehler seien untragbar geworden, es sei daher notwendig, ihn zu beseitigen und „durch einen loyalen, höflichen und wohlwollenden Mann zu ersetzen“. Kurz darauf schickte Lenin sogar einen Artikel an die „Prawda“, der scharfe Angriffe gegen Stalin enthielt und der, nach mehreren Versuchen Stalins, eine Zurückziehung zu erlangen, am 4. März 1923 tatsächlich erschien. Wahrscheinlich wäre die Karriere Stalins zu Ende gewesen, wenn Lenin noch einmal im vollen Besitz seiner Gesundheit zurückgekehrt wäre. Lenin aber wurde nicht mehr gesund. Und Trotzki unternahm nichts, weil er auf den Konflikt zwischen Lenin und Stalin baute. So konnte sich Stalin, der inzwischen ein Bündnis mit Sinowjew und Kamenew, ein Triumvirat zur Teilung der Macht, abgeschlossen hatte, schließlich behaupten. In dieser Zeit, während Lenin mit dem Tode rang, war Stalin der lauteste Bekenner seiner Lehren. Und man kann nicht sagen, daß er damit nach Lenins Tod aufgehört hätte. Im Gegenteil: er führte einen bis dahin unbekannten Lenin-Kult ein, und bis heute ist der Leninismus, zugunsten der jeweiligen Bedürfnisse zurechtgebogen, vom Stillen Ozean bis zur Elbe sakrosankt.

Nach Lenins Tod