Mannheim, im Dezember

Als ich das Theater betrat, kreuzte die alte Souffleuse des Hauses meinen Weg. „Oh“, jagte sie, ohne Übergang, schon ganz in der Spannung der Arbeit, die sie in wenigen Minuten erwartete, „es ist ein gutes Stück, ein sehr gutes Stück, ein wirklich pädagogisches Problem. Es wird Ihnen heute gut gefallen, Doktor.“

Um was für ein Stück handelte es sich, auf das man mich so gespannt gemacht hatte? Oh, nur um ein ganz kleines französisches Schauspiel, mit einem sechzehnjährigen Jungen in der Hauptrolle, der seelisch und körperlich zerprügelt, mit sich, der Welt und seinen Eltern zerfallen ist, die in einer ausgebrannten Ehe leben, und der, widerborstig, sprunghaft, nervös, schlau und bockig auf alles falsch reagiert, was ihm begegnet; gestoßen, verlacht, mißachtet, ungeliebt, aber mit einem Herzen, das verloren und verlassen sich nach Liebe sehnt und einer hilfreichen Hand und einem helfenden Wort und der ihrer bedürftig ist wie der Nahrung oder der Luft, um zu gedeihen und ein erwachsener Mensch zu werden. Es war Jules Renards Poil de Carotte, „Rotfuchs“, eine Komödie, die das Nationaltheater Mannheim zum erstenmal in Deutschland aufgeführt.

Uraufgeführt wurde „Rotfuchs“ in Frankreich Schon bald nach dem Erscheinen des gleichnamigen Romans 1896. Man zählt Renard zur Generation der Naturalisten. Aber „Rotfuchs“ ist kein naturalistisches Stück, ebensowenig wie der Roman im deutschen Sinne naturalistisch genannt werden kann. Im Grunde genommen sind beide nicht einer Stilrichtung zuzuschreiben, sondern sind schlechthin französisch. Und wie Mark Twain für Amerika, Dickens, Kipling und Stevenson für England, Busch, Thoma und Frank für Deutschland den unsterblichen Lausbuben und Jungentyp ihrer Länder und Völker prägten, so Renard im „Rotfuchs“ für Frankreich. Es ist das klassische Jugendbuch der Franzosen. Das Stück Renards gehört zum Repertoire der comedie française, die es in dieser Spielzeit in der solle de Luxembourg, zusammen mit einem Werk von Mariveaux aufführt. Das zeigt die Achtung, die man ihm in Frankreich entgegenbringt. Das Burgtheater in Wien führte „Rotfuchs“ schon in einer Übersetzung von Hugo von Hoffmannsthal 1901 auf. So ist die Mannheimer Premiere in der gewandten und flüssigen Übersetzung von Fritz Montfort eine späte und sich hoffentlich weit auswirkende Bekanntschaft mit Renards Gestalt, denn auch der Roman liegt seit 1946 in deutscher Sprache vor (Werner Classen Verlag, Zürich).

Der Mannheimer Aufführung lag ein wesentlich pädagogisches Anliegen zugrunde, denn Mannheim führte das-Stück als letzte Veranstaltung im „Jahr des Kindes“ auf, unter welchem Motto eine Reihe weit beachteter Veranstaltungen im Goethe-Jahr standen, denen sich diese Premiere als interessanter und wesentlicher Abschluß androhte; Darstellung wie Regie dienten dem Werk auf die beste Weise durch eine zurückhaltende, unüberzogene und doch auch wieder unproblematisch frische Wiedergabe. K. F. Reinking