Es wird oft viel Gewicht auf die Frage gelegt, ob Stalin ein Vertreter der These der Weltrevolution oder eines autarken Kommunismus der Sowjetunion sei. In seinen Schriften lassen sich für beides Beweise finden. Er hat sich 1925 für den autarken russischen Kommunismus ausgesprochen, jedoch offensichtlich, um Trotzki entgegenzutreten, der jederzeit für die permanente internationale Revolution eintrat. Vorher hatte Stalin ebenfalls die Theorie der Weltrevolution und der Unmöglichkeit des Kommunismus in einem einzigen Lande betont. So teilte er das Schwanken in dieser Frage mit Lenin, der sich von Trotzki nach langem Widerstreben in dieser Frage hatte belehren lassen. Jedoch liegen nicht nur Theorien und Erklärungen, sondern, besonders aus den letzten Jahren, viele Tatsachen vor, die sich als Maßnahmen zur Förderung der Weltrevolution erklären lassen. Doch kann das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen werden. Denn noch besser lassen sich die meisten Tatsachen als Maßnahmen zur Förderung der Weltherrschaft erklären. Wir sagten schon, daß sich der Leninismuns bereits in den letzten Tagen Lenins als fragwürdig erwies. Gerade der fortgesetzte Kampf gegen die Opposition – hier ist immer die kommunistische, niemals die bürgerliche Opposition gemeint, deren Vernichtung in die Theorie hineinlaßt und gar kein Kopfzerbrechen macht –, hat das Gebäude immer mehr ausgehöhlt. In den Hohlraum aber strömte der Nationalismus ein, mit all der Expansionskraft, der den Moskauer Nationalismus seit jeher ausgezeichnet hat. Und diesen Prozeß hat wohl nicht erst der Krieg hervorgerufen. Sicherlich hat er ihn aber beschleunigt und verstärkt.

Mit dem Krieg kam für Stalin die Notwendigkeit, als Heerführer aufzutreten. Er hat es getan, wie es auch Hitler getan hat und wie es anscheinend jeder autoritäre Staatschef tun muß, wenn der Kampf auf Tod und Leben entbrennt. Es ist keine Frage, daß die Sowjetunion von 1941 nicht in einem so gefestigten ökonomischen Zustand war, daß sie allein dem Ansturm der deutschen Armeen gewachsen gewesen wäre. Infolgedessen mußte Stalin damals die Sprache derer sprechen, die ihm helfen sollten Molotow tat das in seinem Namen, so gut er konnte, im Sommer 1941 in London. Wichtiger war, daß Stalin selbst sich erklärte, als er zum ersten Male mit der westlichen Welt in entscheidender Stunde in Berührung trat. Das war im Juli 1941, als der Vertrauensmann Roosevelts, Harry Hopkins, ihn in Moskau besuchte. Stalin, der, wie nicht nur aus Hopkins’ Papieren, sondern auch aus vielen andern Memoiren – wie zum Beispiel aus denen Hulls – hervorgeht, den amerikanischen Unterhändlern jederzeit durchaus gewachsen war, sagte damals im Hinblick auf den deutschen Angriff, daß „ein minimaler moralischer Standard zwischen den Nationen notwendig sei, ohne den sie nebeneinander nicht existieren könnten.“ Es war genau die Sprache, die Hopkins hören und dem Präsidenten berichten wollte, damit alle jene Lieferungen in den USA locker gemacht würden, die er Stalin so dringlich angeboten hatte. Mit Hilfe dieser Lieferungen, die keineswegs so unbedeutend wären, wie die Moskauer Propaganda es heute wahrhaben möchte, hat Stalin schließlich den Krieg gewonnen. Aber es wäre interessant zu erfahren, was er heute von dem „minimalen moralischen Standard“ hält, der notwendig ist, damit die Nationen nebeneinander leben, können. Die Sowjetunion jedenfalls hat ihn längst bei weitem unterschritten. Wie vor dem Hopkins-Besuch gilt in Moskau wieder das Prinzip der Nützlichkeit, einer Nützlichkeit, über die allerdings das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Auch Hitler hielt sich an dieses Prinzip. Zum Schluß stellte sich heraus, daß, was er für nützlich gehalten hatte, nicht nützlich war.

Stalin ist soeben 70 Jahre alt geworden. Er ist dem Ende seiner Laufbahn näher gerückt. Ein Meer von Blut und Leid liegt hinter ihm. Nur hinter ihm? Wie damals Lenin, mag er es heute sein, der feststellt, daß seine Theorie, die er als der autoritativste Lenin-Interpret seit mehr als zwei Jahrzehnten gehandhabt hat, mit den Tatsachen nicht in Einklang gebracht werden kann. Denn trotz aller Opfer ist es ihm nicht gelungen, die Opposition zum Schweigen zu bringen. An allen Ecken und Enden schießt sie aufs neue hervor. Der Titoismus, der Trotzkismus, der Kosmopolitismus und wie diese „Ismen“ alle heißen, sie sind alle zusammen der Ausdruck des einen Tatbestandes, daß die Geschichte nicht dort anhält, wo es ihr Marx und Lenin befohlen haben. Das würde auch dann nicht geschehen, wenn die ganze Welt von Moskau aus regiert würde. Im Gegenteil: die Erfolge des sowjetischen Imperialismus sind eine gefährliche Speise für die kommunistische Ideologie

Heute noch, da er seinen 70. Geburtstag feiert, ist Stalin das große Rätsel unserer Welt. In einem Jahrzehnt spätestens wird dieses Rätsel gelöst sein. Und kein Molotow und kein Malenkow wird im Stande sein, den Knoten noch einmal zu knüpfen...