Von unserem südamerikanischen Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

Santiago, im Dezember

Fast alle südamerikanischen Republiken machen zur Zeit einen Wandel ihrer Wirtschaftspolipolitik durch, den wir nicht unterschätzen dürfen, Wir können ihn auf die eine Formel bringen, daß die Zeit der Inflation vorbei ist und daß die Zeichen auf Deflation stehen. Die Austerity Politik, ist auch nach Südamerika gekommen.

Die lateinamerikanischen Staaten waren aus dem Kriege mit sehr großen Reserven hervorgegangen, In den Jahren 1939 bis 1946 hatten sie mehr ausgeführt als eingeführt, weil ihre Erzeugnisse ihnen aus den Händen gerissen wurden, während weder Europa noch Nordamerika liefern konnten. Der Ausfuhrüberschuß in diesen Jahren wird auf 7,7 Milliarden Dollar geschätzt.

So wiegten sich die Südamerikaner bei Kriegsende im Glauben, sie wären unendlich reich. Sie entwarfen Vier- und Fünfjahrespläne, sie erhöhten den Lebensstandard ihrer Bevölkerung und führten teilweise großartige Fürsorgepläne durch. In den Jahren von 1945 bis 1948 hat sich das Gesicht Südamerikas stärker gewandelt als vorher in vielen Jahrzehnten. Der Umschwung kam von Europa, und darin zeigt sich die tiefe Verbundenheit Südamerikas mit der Alten Welt, allen Anstrengungen der Nordamerikaner zum Trotz, den ganzen amerikanischen Erdteil zu einer geschlossenen „Westlichen Hemisphäre“ umzuformen. Jetzt soll gespart werden. Nach elf Jahren des Milliardensegens von Papiergeldausgaben in allen Ländern, nach den Träumen vom unendlichen Reichtum beginnt jetzt der Katzenjammer. Die Staatsfinanzen zeigen überall in Südamerika scharfe Einbrüche, während die Ausgaben weiter wachsen, ja wachsen müssen, weil die andauernde Teuerung neue Forderungen Angestellten und Staatsbeamten nach sich zieht.

Die Regierungen sehen sich zwischen zwei Mühlsteinen. Auf der einen Seite schmelzen ihre Einnahmen, während die Ausgaben wachsen, auf der anderen nimmt die Unruhe in der öffentlichkeit zu und verlangt energische Maßregeln. Was jedoch am gefährlichsten erscheint: Es gibt keine Möglichkeit mehr, die steigenden Unkosten der teuren Lebenshaltung dem ausländischen Kunden, also in erster Linie dem hungernden Europäer, aufzubürden. Die eigentlichen Produkte Südamerikas, Lebensmittel und Rohstoffe, sind in der ganzen Welt so reichlich vorhanden, daß die Preise sinken und daß die Angebote von allen Seiten immer günstiger für den Abnehmer werden. Während jedoch in den anderen Erzeugerländern die Preise sinken, steigen in Südamerika die Selbstkosten. Was gibt es da für einen Ausweg. Etwa die Abwertung?

Als die Regierung Perón in Argentinien kurz nach Kriegsende ihren Fünf jahresplan begann, da konnte sie noch den Landwirten im Inneren einen verhältnismäßig niedrigen Preis zahlen und im Ausland einen hohen Gewinn einstreichen. Im Jahre 1947 sollen das mehr als eine Milliarde Peso arg. gewesen sein, und damals war der Peso noch 25 Dollarcents wert. Diese Zeiten sind vorbei. Heute kommen die Exporteure und verlangen Subventionen oder besonders günstige Wechselkurse, um im Auslande einigermaßen wettbewerbsfähig zu sein. Eine Abwertung der Währungen würde ihnen nur helfen, wenn nicht gleichzeitig die Löhne und Preise im Inneren und damit die Selbstkosten steigen würden. Um diese Frage geht es heute.

Während in der Industrie und in der Landwirtschaft in den letzten Jahren nur mäßige Gewinne erzielt werden konnten, wenn man die Entwertung berücksichtigt und die aus ihr entspringenden Scheingewinne ausschaltet, hat; die Spekulation insbesondere in Grundstücken Riesenvermögen erworben. Hier fliegt die Wurzel der südamerikanischen Krise.