Wenn man an ein großes Land die Zumutung stellte, es solle mit einemmal zwölf Millionen Einwanderer aufnehmen, so würde es wohl sicher sagen: Ausgeschlossen! Wenn man ihm dazu sagte, die Einwanderer brächten nichts mit, als was sie auf dem Rücken tragen könnten, und befänden sich in einem Zustande, der der Verzweiflung nahe sei, so würde die Ablehnung sich wahrscheinlich zur entschiedensten Abwehr verschärfen. Und würde man die Zumutung an ein besiegtes, zerstörtes, desorganisiertes Land stellen, so würde wohl jeder Verständige sagen: Hier sind die Grenzen des Möglichen weit überschritten.

In dieser Lage aber befand sich Deutschland in der Zeit 1945/46. Es hat gut 15 Millionen Deutsche von jenseits der Oder–Neiße, aus der Tschechoslowakei und aus Südosteuropa aufnehmen müssen, von denen mehr als drei Millionen unterwegs umkamen. Sie kamen wahllos und regellos, Frauen, Kinder und zunächst wenig Männer, aus allen Ständen und Bildungsschichten, Elite, Durchschnitt und Abschaum, aber alle fast gleich mittellos und hoffnungslos.

Daß Deutschland diese Probe überstanden hat, ohne vollends zugrunde zu gehen, ist eine Leistung, die höchste Achtung verdient. Sicher hätte vieles idealer vor sich gehen können, aber daß das Volk an dieser aufgezwungenen Leistung nicht zerbrach, setzt bei ihm einen sittlichen Fonds an Leidens- und Anpassungsfähigkeit, an Hilfs- und Aufnahmebereitschaft voraus, den man nach den Schrecken des Krieges, nach der Zermürbung durch nationalsozialistische Propaganda nicht hätte erwarten können.

Schon vor Jahren hörte ich von Kennern die These vertreten, letztes Ziel der eigentlichen Initiatoren dieser weltgeschichtlich fast ohne Beispiel dastehenden Ausweisung sei die Bolschewisierung Deutschlands gewesen. Man habe mit Absicht die Volksgruppen, die Gemeinden, die Familien auseinandergerissen, um die Menschen völlig zu vereinzeln, aus allen natürlichen Bindungen zu lösen, um sie so für eine Verneinung aller bestehenden Ordnungen reif zu machen. Diese Verzweifelten hätten dann Bazillenträger des Bolschewismus, Sprengpulver für alle bisherige Ordnung im übrigen Deutschland werden sollen.

Heute, nach vier Jahren, kann gesagt werden, daß dieses Ziel, falls es wirklich angestrebt woden ist nicht erreicht wurde Auch die Vertriebenen haben sich nicht, für den Kommunismus entschieden, es ist vielmehr, als hätten sie durch das Erlebte eine Schutzimpfung gegen solche Tendenzen empfangen.

Nicht als könnte das Flüchtlingsproblem irgendwie als gelöst betrachtet werden. Es wird vielmehr auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das schwierigste und empfindlichste aller deutschen Probleme bleiben, zumal neuerdings ein starker Flüchtlingsstrom aus der Ostzone nach dem Westen eingesetzt hat. Es ist von Deutschland allein aus nicht zu lösen, sondern geht alle europäischen Staaten, ja gewissermaßen die ganze Welt an.

Eine internationale katholische Studiengesellschaft unter Vorsitz des jetzigen Bundesministers Dr. Lukaschek hat in diesem Sommer berechnet, daß eine Wohnhaftmachung und erste wirtschaftliche Eingliederung der etwa 7,4 Millionen Vertriebenen im Gebiet der Deutschen Bundesrepublik eine Summe von 27,7 Milliarden DM erfordert: In diesem Zusammenhang ergibt sich, von welch ungeheurer Wichtigkeit es ist, die vorhandenen Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. Es ist ja nicht damit getan, daß den Leuten Wohnung geschaffen wird, diese Wohnungen müssen in der Nähe von Arbeitsmöglichkeiten liegen, und die Vertriebenen müssen – soweit möglich – in den Berufen angesetzt werden, die sie erlernt haben und in denen sie groß geworden sind. Das erscheint besonders schwierig bei den etwa 250 000 Familien selbständiger Landwirte, die sich im Gebiet der Bundesrepublik aufhalten. Bei Ausschöpfung? der letzten Möglichkeiten werden aber nicht mehr als 100.000 Familien im Gebiet der Republik eine Ackernahrung erhalten können. Hier scheint nur eine Auswanderung in großem Stil der Not abhelfen zu können – es sei denn, daß eine Möglichkeit der Rückwanderung sich auftäte, die aber, soweit heute menschliche Voraussicht reicht, nur durch einen Krieg möglich wäre, den Gott verhüten möge!