Der Demontage steht die Kollektiventeignung deutschen Auslandsvermögens in nichts nach. Ebenso wie jene verstößt diese gegen die Regeln des Völkerrechts, insbesondere gegen die international sanktionierte Unverletzlichkeit des Privateigentums. In beiden Fällen handelt es sich um Milliardenwerte, deren Erhaltung oder zumindest Anrechnung auf die deutschen Auslandsschulden nicht nur das deutsche Selbstinteresse sondern auch die wirtschaftliche Vernunft und das Interesse aller beteiligten Völker erfordert,

Das Schicksal des deutschen Auslandsvermögens im und nach dem Kriege ist reich an dramatischen Effekten: Beschlagnahme in den Feindstaaten, Druck auf die Neutralen durch Blockierung ihrer USA-Guthaben und Aufstellung schwarzer Listen; Widerstand der Schweiz gegen das Verlangen, die Liquidationserlöse an die Reparationskasse abzuführen; die alliierte Reparationsagentur, die IARA in Brüssel, stellt Verteilungspläne auf, kassiert Liquidationserlöse und schlichtet Zustandigkeitskonflikte über die deutschen Objekte im Lager der Alliierten und Neutralen; entschädigungslose Enteignung in Dänemark, Holland und in den Ostblockstaaten; das heiße Eisen des deutschen Vermögens in Österreich; Kritik an den Treuhändern in England und in der Schweiz; erste Individualverrechnung deutscher Vermögen in den USA gegen Schulden der Eigentümer und Freigabe von neuanfallenden Erbschaften; das deutsche „Raubgold“ in Schweden; undurchsichtige Abwicklung bei der Liquidation in Italiens der amerikanische Herter-Bericht fordert die Freigabe im Interesse der deutschen Außenhandelsbeiebung; der Grundsatz der Enteignung gegen angemessene Entschädigung setzt sich im Westen durch.

Der Einfluß deutscher Stellen auf die Behandlung des deutschen Auslandsvermögens war und ist minimal. Wohl schließen sich die Betroffenen in Interessenverbänden zusammen, und die rührige „Studiengesellschaft“ sammelt alle Nachrichten über das deutsche Auslandsvermögen.

Der deutschen Forderung auf Einstellung der Reparationszahlungen aus deutschem Auslandsvermögen kamen endlich gleichgerichtete Bestrebungen im Ausland zu Hilfe: Die ausländischen Gläubiger der deutschen Vorkriegsschuldner wünschten Befriedigung aus den Liquidationserlösen. Die deutschen Interessentenvertreter erkannten ihre Chance, hieben in die gleiche Kerbe und taten damit das volkswirtschaftlich einzig Vernünftige, denn in Anbetracht der für unseren Aufbau notwendigen ausländischen Kapitalhilfe kommt der Regelung unserer Vorkriegsverbindlichkeiten besondere Bedeutung zu. Einem Bankrotteur – und so werden wir nun einmal im internationalen Geschäft angesehen –, der sich über sein Schicksal leichten Herzens hinwegsetzt, wird man kaum neue Mittel anvertrauen.

Von der Verrechnung gegen deutsche Schulden und auch von der Liquidierung sollten aber die Vermögen der Auslandsdeutschen sowie die Anlagen, die für unseren Außenhandel notwendig sind – so die Überseehäuser unserer Exportfirmen –, ausgenommen werden. Die Bewertung und die Durchführung der Liquidierung sollte von einer unabhängigen Kommission, in der auch Deutsche vertreten sein müßten, überwacht werden.

In England, das noch am zähesten an der Reparationszahlung aus deutschem Auslandsvermögen festhielt, ist jetzt mit der „Distribution of German Enemy Property Bill“ von Glenville Hall die erwartete Wendung eingetreten. Etwa 15 Mill. £ Liquidationserlöse aus deutschen Vermögen sollen gegen 120 Mill. £ deutsche Schulden aufgerechnet werden. Bei den Parlamentsdebatten wurde übrigens offen an den Treuhändern Kritik geübt, insbesondere wurde ihnen vorgeworfen, daß sie Gebäude verwahrlosen ließen.

Endgültig kann die Kopplung der beiden Probleme – deutsche Vermögensenteignung und deutsche Schuldentilgung – wohl erst im Friedensvertrag geregelt werden. Auch dann wird dieser Fragenkomplex eine harte Nuß sein: Sollen beispielsweise die Dawes- und die Young-Anleihen als Verbindlichkeiten voll anerkannt werden, oder sollen die privaten Anleihen gegenüber den alten Reichsschulden die Priorität haben? In Schweden beträgt zum Beispiel der Anteil der Reichs- und der diesen wirtschaftlich gleichzusetzenden Schulden 70 H. der gesamten Verbindlichkeiten. Eine weiter bedeutsame Frage ists Wie soll die Entschädigung der alten Eigentümer In DM finanziert werden?

Hier und da zeigen sich Lichtblicke. So hat beispielsweise Chile die deutschen Vermögen praktisch freigegeben. Auf der anderen Seite beschleunigt allerdings die Schweiz die Liquidation, hat Schweden die Liquidation fast beendet und ist die Lage in den Oststaaten, die im deutschen Eigentum ein willkommenes Objekt für ihre Sozialisierungspläne sehen (und wo entschädigungslos enteignet wird, womit eo ipso die Möglichkeit einer Aufrechnung gegen deutsche Schulden entfällt), hoffnungslos. Übrigens enteignen außer den Ostblockstaaten auch Holland und Dänemark Ostblockstaaten sowie leider auch einige mittel- und südamerikanische Staaten. Grundsätzlich wird aber im Ausland jetzt der Anspruch auf Entschädigung anerkannt, wenn er auch, wie zuerst im Washingtoner Abkommen vom 18. Juli 1946 mit Schweden, einer zukünftigen deutschen Regierung aufgebürdet und im Friedensvertrag sanktioniert werden soll. Dort, wo eine Anrechnung gegen Schulden erfolgt, ist es auch nur recht und billig, daß der befreite Schuldner die Entschädigung übernimmt. Auf jeden Fall sollte aber, bis es zu einer endgültiges Regelung unter Hinzuziehung deutscher Stellen kommt, die unkontrollierbare Liquidation deutschen Vermögens eingestellt werden. n–n