Frühchristliche Legenden in der Uberlieferung des Weltreisenden Marco Polo und den Erzählungen des Dichters Nikolaj Ljesskow

Von Edzard Schaper

Zwei einander so ungleiche „Reisende“ wie der venezianische Kaufmann Marco Polo im 13. Jahrhundert und der russische Dichter Nikolaj Ljesskow, der im Auftrag einer englischen Weltfirma jahrelang das ganze europäische und asiatische Rußland bereiste, haben der Nachwelt etwas von jenen Schätzen der alten christlichen Legenden vermittelt, die in den Heimatländern der alten Kultur im Nahen Osten in mündlicher Überlieferung lebendig geblieben waren. Als im Jahre 1295 zu Venedig der nach 24 Jahren endlich heimgekehrte Messer Marco Polo vor den bis zuletzt ungläubigen Verwandten die Säume und Nähte des zerlumpten Gewandes aufschlitzte, in dem er heimgekehrt war, und vor den Augen der Staunenden alsbald Perlen und Edelsteine von sagenhaftem Wert hervorrollten, hatte er die Perlen frühchristlicher Überlieferungen, die er in seinen Reisenotizen mitgebracht, noch nicht gezeigt. Das geschah erst etliche Jahre später, als er im Gefängnis zu Genua eine ausführliche Beschreibung seiner Reise diktierte und mit seinem Bericht staunenden und weiterhin zweiflerischen Zeitgenossen eine so fabelhafte und unglaubliche Welt erschloß, daß der ihm nur den spöttischen Beinamen des „millione“, des lügnerischen Aufschneiders, eintrug. Und doch war Marco Polo bei der Schilderung der vielen Länder, die er bereist, und der Verhältnisse, die er kennengelernt, so ehrlich gewesen, wie er bei der Aufzeichnung von Überlieferungen des Volksmunds gewissenhaft und nüchtern verfahren war. Bei einer Sage von drei heiligen Königen, die er in Saba in Persien hört und der Aufzeichnung wert hält, läßt er zum Beispiel nichts unversucht, den historischen Sachverhalt zu erfahren, und was er dann schließlich aufzeichnet, deckt sich getreu mit dem Bericht eines persischen Chronisten 350 Jahre vor ihm. Ein Vergleich dieser beiden Berichte über ein und denselben Stoff hat die Probe auf die Wahrheitsliebe des Venezianers möglich gemacht, und er hat sie glänzend bestanden.

Wundermären durch Jahrhunderte

Dieser Vergleich bezeugt aber nicht nur Marco Polos Zuverlässigkeit als Beschreiber seiner erstaunlichen Reise, sondern mindestens ebensosehr die treue Unveränderlichkeit, mit der die Sagen, Legenden und Märchen durch Jahrhunderte mündlich überliefert weiterleben. Als der Venezianer sie aufzeichnete, war der Tatarensturm auch schon über Persien hinweggebraust, gewaltsame und blutige Bekehrungen hatten stattgefunden, Zoroaster war in einem Meer von Blut ertränkt worden, über dem der Halbmond Mohammeds aufging. Und doch lebt der Geist des Christentums in einer Unzahl der schönsten Überlieferungen, dennoch strahlt der Stern von Bethlehem, dem einstmals die „drei Weisen aus dem Morgenlande“ westwärts entgegenzogen, mit seiner Botschaft vom göttlichen Kinde. Die Offene barungen des frühen Christentums und das Wesen der alten Kirche kleiden sich in volkstümliche Gleichnisse und wandern in wundersamen Mären von einem Bazar zum anderen – und werden tausend Jahre später dann im fernen Abendland des Mittelalters immer noch im Schwange sein. Die wunderbare Begebenheit vom Berge, den der Glaube verfolgter Christen versetzt, und die Gestalt des Gauklers, der in Armut, Unvernunft und Einfalt seine tölpischen Späße als Narrheit in Christo den Menschen darbringt und Gott damit näherkommt als der dogmatische, nur auf Selbstrechtfertigung bedachte Anachoret, oder der Säulenheilige, in dessen Schatten die Geplagten Genesung finden, während sein eigenes Leben unter der Sonne verbrennt – solche Legenden leben jahrhundertelang weiter im nördlichen Rußland und bilden dort die Typen östlicher Frömmigkeit und schaffen im Mittelalter des westlichen Europa die schönsten Sinnbilder der Minne zur Mutter Gottes Maria.

In der mündlichen Überlieferung sind die Zeugnisse des frühen Christentums in der ganzen Welt des Vorderen Orients beheimatet gewesen. Sie haben sich von dort nach dem seit jeher sagen- und erzählfreudigen Rußland verbreitet. Woher aber sechshundert Jahre nach Marco Polo der Dichter Nikolaj Ljesskow die Anregung erhalten hat, vielen der frühchristlichen Legenden (und darunter etlichen der von dem Venezianer erstmalig überlieferten) das kostbare Gewand seiner Erzählergabe zu schenken, ist unbekannt. Seine Jugendjahre als Reisender, in allen Geschäften, die englischer Unternehmungsgeist sich im alten Rußland ausdenken konnte, hatten ihn kreuz und quer durch das ganze Reich geführt, immer in Berührung mit dem genuinsten Teil des russischen Volkes oder, richtiger gesagt, der mannigfaltigen Völkerschaften Rußlands. Wer will abstreiten,, daß der Dichter seine Legenden noch aus dem Volksmund selbst erhalten haben könnte! Hat er nicht selbst am Ende seines Lebens vor einem Kollegen, der ihn fragte, woher er das Material zu seinen Werken genommen hätte, auf seine mächtige, breite Stirn gezeigt und bekannt: „Aus diesem Kasten hier! Hier drinnen bewahre ich die Eindrücke aus jenen Jahren, da ich noch Kaufmann war, als ich in Geschäften durch ganz Rußland pilgerte. Das war die schönste Zeit meines Lebens, damals habe ich unerhört viel gesehen!“

Aus der kurzen Überlieferung bei Marco Polo stammt Ljesskows wunderbare Nacherzählung der Legende vom wandernden Berg oder die vom Gaukler Pamphalon jedenfalls nicht, denn in einem Fall weist Ljesskow seiner Legende im Untertitel ausdrücklich Heimatrecht in Ägypten an und fügt hinzu, er habe sie „nach alten Überlieferungen“ geschrieben. Diese alten Überlieferungen kann er sehr wohl dem einfachen Volk abgelauscht haben, unter dem er sich mit Vorliebe bewegte, den „kleinen Heiligen“, denen sein ganzes Werk ein unvergeßliches Denkmal setzt. In den Kreisen der Altgläubigen, der „raskolniki“, mit denen er sich in den Jahren 1864/65 auf Anordnung des Ministeriums für Volksaufklärung sehr eingehend befaßte und deren Lebensverhältnissen und deren Schulwesen er eine für den internen Gebrauch des Ministeriums bestimmte Denkschrift widmete, waren der Geist und die Überlieferung dieser frühchristlichen Legenden schwerlich beheimatet. Eher kann man vermuten, daß der Impuls zur Wiedererzählung der Legenden von irgendeiner kirchlichen Erbauungsschrift ausgegangen ist. Dann aber hätte Ljesskow schwerlich voraussetzen dürfen, daß die Legenden, die er doch „nach alten Überlieferungen“ schrieb, in weitesten Kreisen unbekannt waren.